Marie Mallarmé – Kapitel 4 (1)

Man darf ruhig glauben, dass schon von Anfang an, Marie Mallarmé nicht von Ehrfurcht ergriffen war, sondern von dem Gefühl, grenzenlos überfordert zu sein. Sie stand vor all den vielen Kleinigkeiten, die von nun an ihr Leben bestimmen sollten, fremd und scheu und ohne Bezug zu den Dingen, die da geschahen. Die Kinder im Heiligen Geist pflegten allmorgendlich in dem großen Vorraum zu den Duschen ihre Kleider abzulegen und das kleine, fremde Mädchen wurde von allumfassender Scham ergriffen. Natürlich ...

Schatzkarte

Ich leg dir rote Sterne in die Hände
Wir verbinden die Punkte
Und überschreiten unsre Lebensgrenzen

Wär es nicht wunderbar,
Wären wir alt und auf der Haut
Trügen wir Bilder aus einer Zukunft
Mit iirisierenden Farben

Trügen die Zeitkarte worin
Zwischen den Ewigkeiten ein X eingezeichnet
Dein Rücken die Schatzinsel des Chronos
Mit dem goldenen Atemzug
Am Ende der Welt.

Jouez Descartes

Renée, mit diesem Blatt Findet der Rest deines Spiels Findet der Rest deines Lebens Statt. Renée, nimm dir die Zeit, nimm dir die Zeit, die du brauchst nimm dir Zeit, nimm dir Zeit, du brauchst’s Renée, sagt man so nicht? Die richtige Karte gibt es nicht Die richtige Karte liegt immer im Stock versteckt. Renée, dieses Spiel Haben wir schon eintausendmal Haben wir schon wirklich überall Gespielt. Renée, du weißt was du bist (Du bist) Du bist, so lange du uns nicht vergisst (Du bist) Du ...

Der freie Wille – Alice hinter den Spiegeln – Ein Essay

Der freie Wille ist eine Illusion. Eltern haften trotzdem für ihre Kinder. (nach: Christian Geyer)   Ich bin ein Homo cerebralis. Ich habe keine Seele, ich habe ein Gehirn. Meine Seele hätte erklären können, wie es mir gelingt, freie, unabhängige, spontane Entscheidungen zu treffen. Mit meinem Gehirn wird erklärt, wie es zu meinen Entscheidungen kommt. Jeder Gedanke ist mit einem bestimmten Gehirnzustand gleichzusetzen. In „Wirklichkeit“ denkt niemand. Das Gehirn spielt „ein Spiel ...

Der Teufel am Rhein (repost)

Meine Mutter hat am Rhein den Teufel gejagt Um mir meine Seele zu retten Derweil hat mein Vater schwarze Listen geführt Und jede Nacht schlief ich in eiskalten Betten Die Sommer haben die Gleise zum Glühen gebracht wir lagen zwischen schrillen Zikaden Nach den Zügen haben wir mit Steinen geworfen Liegend im rotstaubigen Graben Zwei Schwestern haben mich’s küssen gelehrt Im Herbstwind zwischen den Reeben Kaum hat dann der Stadtturm meinen Namen gebrüllt, verließ ich die Stadt nachts im Regen. Mit ...

Neid

Kastanien wachsen blühend
aus deinem Fenster.
Schließ die Augen
vor dir selbst.

Minus, lautet die Inschrift
auf deinem selbstgezimmerten
Kreuz;

selbst von dort oben
geiferst du noch – dem Tode näher als mir –
der dir erscheinenden
Pracht
die – dir ferner als mir –
sich ihre Finger nach dir reckt
so sehr
wie deine Seelenfasern
geästgleich gierig
sich zu ihr
zu mir