Gleichheit und Freiheit

Mitten im größten Gedränge sich einsam fühlen? Das ist ein altes menschliches Empfinden. Spätestens in dem Zeitalter der Industrialisierung begann es. Nicht wegen der Maschinen, die die Menschen zu ersetzen begannen: wegen der Vielzahl an Menschen, wegen des Gedränges. Je enger man zusammenrutscht, je mehr Bewegungsfreiheit verliren geht, desto mehr schafft die Seele sich im Körperinnern Platz. Desto mehr fühlt man in sich selbst hinein und erahnt was dieses Ich doch ein Gleiches ist. Freiheit ...

Ganz Europa

Ganz Europa ist ein Auge,
das sich schließt
vorm Anblick dieser Welt.

Ganz Europa ist ein Mund,
der in tausend
wirren Sprachen schweigt.

Brav schaut man zu dem Glanz
empor, der sich
über Europa wölbt.

Brav nennt man diese Blase
Heimatglück,
die Europa dünn umgibt.

Und wird das Bläslein einst
über den Köpfen platzen,
platzt nass es zu uns rein:

Europa war ein Aug
worauf die Trän‘ sich formte
so klar und – ach – so rein!

Verlierer und Geschichte

Nicht die Geschichte sollte Verlierer,

Verlierer sollten Geschichte schreiben.

Nicht ihres Blutes wegen, ihres Leids,

Es drängt sie, Gerechtigkeit möge

Wenn schon nicht einst ihnen

So doch der Wahrheit wiederfahren,

Die fortan der Geschichte wiederfährt.

Nicht die Geschichte sollte Verlierer,

Verlierer sollten die Geschichte treiben

Vor sich her. Denn Verlierer

Haben nur die Zukunft als Heimat.

Fühle

Der Himmel in makelloser Weite Du weißt, wie ich mich fühle Die Konturen der halben Welt Auf den Staub eines Hinterkopfs gezeichnet Mit schwacher Fingerspitze Du weißt, wie ich mich fühle Die Schatten, die an uns kleben Du weißt, wie ich mich fühle In den schwarzen Schattentaschen Haben wir das Reisegeld Zerknüllte Scheine Selbstbemalt mit dem Dreck, Der im Blut war Du weißt, wie ich mich fühle Kaum gerade stehen Der letzte Anstand an den Nächsten Hält uns aufrecht Du ...

Verdunkelung

Kalt türmen die Wolken sich auf langsam vom Horizont rollen einher die sich ballenden Massen Licht fressender Ungetümer Die den Himmel erobern Titanenfäusten gleich schwarz an den unteren Rändern Erobernd das Himmelreich. Kalt schwärzen die Wolken im Windstillen wartet das Land auf den drohenden Sturm Kalt schwärzen die Wolken tünchen die Felder ins Tintentief mit dem Schriftzug, der Sturm verheißt. Diesseits des Sturms harrt die Stille. Jenseits des Sturm Verwüstung. Das Dazwischen ...

Das Jahr der Stürme

Wenn du so mit mir vor der großen Glaswand stehst, dass meine Hände auf deinem schwangeren Bauch liegen und das Zimmer so schwarz ist wie draußen die Nacht über den Wäldern. Wir sehen das Wetterleuchten. Der zwölfte Sturm dieses Jahr schon. Sind wir in die Stürme gezogen? Leben wir, wo die Blitze herkommen? Wir sind den Himmeln ganz nah hier. Unsere Kinder nennen es das Sturmgrollen. Oder Windtrommeln. Die anderen nennen es Unwetter. Dabei ist das hier, wenn überhaupt, Wetter. Echtes ...