Vorhang auf! – update 23. Mai

Zugegeben, die erste Soiree im ODEON war inoffiziell. Es hingen keine Plakate in der Stadt, die Schaukästen am Eingang waren erst am eigentlichen Premierentag geöffnet, gereinigt und neu behängt worden. Wir dachten, dass wir unter uns sein wollten, wenn zum ersten Mal seit Jahren wieder im Staub der letzten hundert Jahre etwas auf der Bühne mit Theatermagie zum Leben erweckt werden würde. ... ...

Die Brosche (3)

Federice Uboldo war ein traumloser Schläfer. Er träumte nicht von seinem Vater, der ein Leben lang versucht hatte, aus ihm einen guten und anständigen Menschen zu machen und gleichzeitig immer enttäuschter und resignierter wurde, je mehr sein Sohn schulisch versagte, um dann von den Straßen Genuas immer mehr verschluckt zu werden. Er träumte nicht von den Studios, in denen er ein- und ausging und den Gewichten, die er stemmte und den vielen Menschen, die bis zum heutigen Tag nicht seine Freunde ...

Die Brosche (2)

Den Anfang verpasst? Hier klicken 2 Uboldo hatte wenig Freunde. Aber die wenigen waren von der Art, auf die man zählen konnte. Alessia di Vicenco war sogar eine ehemalige Geliebte. Eine von den wenigen Festen und die einzige, mit der er nicht nur verdammt guten Sex gehabt hatte, sondern auch heute noch ganz gut stand. Sie hatte ihn immer gemocht, obwohl er ihr genug Gründe gegeben hatte, ihn zu hassen. Und dafür war er ihr wirklich dankbar. So dankbar, dass er an diesem Abend mit einem wirklich ...

Die Brosche (1)

    Genua, 21. Juni, 2017; 13:40 Uhr   1 Diese alte Hafenstadt mit ihren verdammt alten Häusern, die sich zwischen den rattenengen Gassen aneinander zwängten, roch in ihren besten Ecken nach Vergangenheit. Aber Federice Uboldos Laden war von dem Gesatank nach Urin, Kohl, Zwiebeln, Asche und Staub umgeben. Eine ungemütliche Luft. Und deshalb rauchte Uboldo Selbstgedrehtes. Du hältst den Gestank deines Viertels sonst ja nicht aus. Mit dem Rücken an die kalten, schwarzen Steine ...

Orpheus

Als Orpheus die Unterwelt verließ Sieh her, wir haben es geschafft. Sind aufgestiegen, sind wieder zurück. Sind Welt geworden und haben von all dem Was hinter uns liegt nur ein Stückchen verrückt Komm, lass doch die anderen reden, lass reden, die Welt hat sich verändert. Lass reden, nichts mehr wie zuvor. Wer einmal zurückkehrt, dem kommt ohnehin nichts gewöhnlich mehr vor. Oh, Orpheus, sing lauter! Wenn du mich durch diesen Weg führst Durch die tausend Stimmen, die tausend Wirren, dann Sing ...

Charly Villons Brief

Der gute Charly ist auf Weltreise derzeit. Ab und an hat er mir in letzter Zeit eine Postkarte geschickt und meist waren kurze Gedichte und Anekdoten darauf, die er mich bat, ich solle sie doch auf meiner Homepage publizieren. Damals, als er losgezogen ist, hat er gelacht und gesagt, ich soll nur abwarten. Wenn seine Worte, meine virtuelle Bühne nicht begehrter machen würden, dann wisse er auch nicht. Es war ein Spaß. Natürlich ist er von seinen Sachen überhaupt nicht überzeugt. Er hält es ...

Der Ekel – Essay

Nietzsche schrieb in Jenseits von Gut und Böse: „Der Ekel vor dem Schmutze kann so groß sein, dass er uns hindert, uns zu reinigen“. Ja, diese Art von Ekel kann lähmend sein. Selbst das Abwaschen des Schmutzes verursacht uns Widerwille. Das ist perfekte Zwickmühle, nicht wahr? Einerseits ekeln wir uns vor uns selbst, weil dieser Schmutz sich ausgerechnet an uns festhält. Andererseits werden wir ihn nicht los, weil wir ihn berühren müssen, um ihn abzustreifen. Natürlich sprechen Nietzsche ...

Songbird

Songbird, Songbird Die Straßen sind weit Pfeif gegen den Wind Vergiss die Zeichen deiner Zeit Songbird, Songbird Unter dem Wolkenhighway Ein Bett unter verrosteten Kastanien Das Verlorensein fühlt sich frei Songbird, Songbird Ein einziges Mal in der Nacht Lege mein Lieben zwischen die Sterne Ein Traum ist schnell umgebracht Songbird, Songbird Nicht nur im dort Oben ist Freisein kalt Man sagt doch: Reise niemals durchs Schweigen Aber wenn du reist, suche dir niemals bei irgendwem Halt. Songbird, ...

Sturmzeit (10) – Ende –

  „Ich bin bereit!“, sagte Drafi ein paar Mal. Klatschnass gingen sie durch den Sturzregen in Richtung Marktplatz. Damit waren sie die einzigen. Alle anderen kamen ihnen entgegen. „Der Markt ist geschlossen. Ist keine Marktzeit. Ist Sturmzeit!“, rief ihnen jemand zu. Drafi brüllte ihn an. Es war ein wortloses Schreien, aus tiefster Seele, unter dem der Andere zusammenzuckte und hastig das Weite suchte. „Drafi!“, rief Quinn ihm zu. Aber er ignorierte sie weiterhin. „Was tust ...