4. Adventskalendertürchen: Wo Träume gemacht werden

„Du stehst dir nur selbst im Weg“, sagte Orloff. Und natürlich hatte er Recht. Aber die Lösung auszusprechen war etwas völlig Anderes als nach ihr zu handeln. Im Radio beendete der Sprecher den Verkehrsfunk und als erstes Lied nach der vollen Stunde setzte „Unchained Melody“ ein. Jeff schauerte es und er dachte: wenn Liz nur nie gesagt hätte, was sie für ihn empfand. Und warum ausgerechnet in dieser Zeit? Warum ausgerechnet jetzt, wo ausnahmsweise alles gut lief? „Weil du es ...

Das Ding unter der Erde

Hi Cain,

wenn ich malen könnte, wäre es vielleicht einfacher, dir alles zu erzählen. Ich würde mit einem ganz einfachen Bild anfangen. Mit mir, wie ich als siebzehnjähriger Ende September in dem großen Sonnenblumenfeld stand. Die ganzen Köpfe der Sonnenblumen waren so tot wie der Sommer. Die Blumenköpfe waren nach allen Richtungen verrenkt und verdreht. Sie waren so schwarz, weil ihnen die Augustsonne das ganze Leben aus dem Leib gebrannt hatte. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, sich ...

Hotel Delphin (3)

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Hier geht es zu Teil 2

Und hier geht es endlich zu Teil 3:

 

Ganz leise und ohne das Wasser groß in Bewegung zu versetzen, glitt Nour ins Becken. Sie tauchte unter den kleinen Kräuseln der Wasseroberfläche hindurch, und ihr Körper sah auf einmal ganz zerbrechlich aus. Ein schlanker Alienkörper, nicht geeignet für ein Leben auf dieser Erde, der durch das Unterwasseruniversum glitt.

Erst als sie auftauchte, verwandelte sie sich zurück in die, ...

Hotel Delphin (2)

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Tarek sah erleichtert aus, als Tobi kam.

„Weißt du, was hier abgeht?“, fragte Tarek.

„Klar. Ich hab immerhin alles organisiert.“

Wenn es eine Sache gab, die Tarek nicht ausstehen konnte, dann war es das selbstgerechte Grinsen, das Tobi an den Tag legte, wann immer er sich überlegen fühlte.

„Mira hat mir schon gesagt, dass sie dich mit allem hier ... sagen wir mal: überraschen will. Ist sie auch schon hier?“

„Eben nicht.“, ...

Hotel Delphin (1)

Um die Unsicherheit zu überspielen, stand Benji auf und ging zum Bücherregal.

„Hast du eigentlich gehört, was die anderen vorhaben?“

„Wer?“, Lana sah nicht einmal von der Arbeit auf.

„Geht um den Streit zwischen Tobi und Nour.“

Sie ging nicht darauf ein. Statt dessen kritzelte sie weiter auf dem Blatt herum, nahm das Lineal, strich etwas durch. Dann lehnte sie sich endlich von der Arbeit zurück und sah zu ihm hinüber.

„Willst du mir was erzählen?“

„Lass mal.“, hörte ...

Die Brosche (2)

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2

Uboldo hatte wenig Freunde. Aber die wenigen waren von der Art, auf die man zählen konnte. Alessia di Vicenco war sogar eine ehemalige Geliebte. Eine von den wenigen Festen und die einzige, mit der er nicht nur verdammt guten Sex gehabt hatte, sondern auch heute noch ganz gut stand. Sie hatte ihn immer gemocht, obwohl er ihr genug Gründe gegeben hatte, ihn zu hassen. Und dafür war er ihr wirklich dankbar. So dankbar, dass er an diesem Abend mit einem wirklich ...

Die Brosche (1)

 

 

Genua, 21. Juni, 2017; 13:40 Uhr

 

1

Diese alte Hafenstadt mit ihren verdammt alten Häusern, die sich zwischen den rattenengen Gassen aneinander zwängten, roch in ihren besten Ecken nach Vergangenheit. Aber Federice Uboldos Laden war von dem Gesatank nach Urin, Kohl, Zwiebeln, Asche und Staub umgeben. Eine ungemütliche Luft. Und deshalb rauchte Uboldo Selbstgedrehtes. Du hältst den Gestank deines Viertels sonst ja nicht aus. Mit dem Rücken an die kalten, schwarzen Steine ...

Sturmzeit (10) – Ende –

 

„Ich bin bereit!“, sagte Drafi ein paar Mal. Klatschnass gingen sie durch den Sturzregen in Richtung Marktplatz. Damit waren sie die einzigen. Alle anderen kamen ihnen entgegen.

„Der Markt ist geschlossen. Ist keine Marktzeit. Ist Sturmzeit!“, rief ihnen jemand zu.

Drafi brüllte ihn an. Es war ein wortloses Schreien, aus tiefster Seele, unter dem der Andere zusammenzuckte und hastig das Weite suchte.

„Drafi!“, rief Quinn ihm zu. Aber er ignorierte sie weiterhin. „Was tust ...

Sturmzeit (9)

Zum ersten Teil geht es hier

Durch die Luft schwammen düstere Töne. Ein eselköpfiger Mann tauchte plötzlich auf. Er schaute scheel zu Quinn und Drafi hinüber. Langsam tauchte die Nacht die Stadt in ihre Schwärze. Es blitzte kurz. Ein Wetterleuchten. Von der Sommerhitze stieg aus allen Gullideckeln Rauch auf. Der Eselkopf lachte ihnen stumm hinterher. Aus einer Gasse traten Feuergaukler aus dem Dunst.

Direkt dahinter: Musiker mit Dudelsäcken und einer laut lachenden, grölenden Gefolgschaft.

Über ...