So ein Mensch

So ein Mensch, der gelebt hat, Im Sterben aber gegen den losen Stein eines Damms fällt, Dessen Tod dann die Flut bringt, Und nunmehr nun nicht mehr Als ein Anstoß geworden ist: So einer ist in den Augen Der Welle kein Mensch mehr. Auf den Straßen der Republik: Wölfe Mit blutleerem Blick. So ein Mensch, den man brüllend Durch ein Land trägt, mit nichts Als Angst und Hass und Stolz Dessen Tod lauter klingt als sein Name, dessen Biografie Wertloser wurde als seine Beerdigung, so ...

Dirt in the Ground (4/4)

Anfang verpasst? Hier ist Teil 1 Hier ist Teil 2 Hier ist Teil 3 Hier ist Teil 4: Er schreit ja selbst vor Schmerzen. Ich lasse ihn auf mich einschlagen. Lasse zu, dass er mein Gesicht trifft. Lasse das Schwarz zu. Die Umnachtung. Das Bleierne. Das endlich leibhaftig gewordene Elend. Ich lasse ihn brüllend mein Blut mit seinem vermischen. Ich wage es aufzusehen. Wage es durch den roten Schleier einen Eindruck zu bekommen, wie er innehält, zurückkippt. Wie er zu Boden sinkt: er sieht aus wie ...

Dirt in the Ground (3/4)

Er hat kein einziges Buch in seinem Haus. Sagt man nicht, ein Haus ohne Buch sei ein Haus ohne Seele? Ja, ich weiß. Wenn man das Schlechte sehen will, dann sieht man es. Überall hier. Alles in dieser Wohnung, von der ich überzeugt bin, dass sie seinen Charakter widerspiegelt, widert mich an oder stößt mich wenigstens ab. Ich finde nichts, womit ich mich beschäftigen könnte. Keine Zeitschrift. Kein Fernseher. Diese Wohnung ist nichts als eine weiße Wand, eine Projektionsfläche. Und alles ...

Dirt in the Ground (2/4)

Die Autorin Patricia Hampl hat mal so was Ähnliches gesagt wie: „Eine Biografie ist ein Zeitstrahl, der durch Ereignisse unterbrochen wird.“ Ist das nicht spitze? Mich hat es beeindruckt. Weil das Leben einfach läuft, selbst wenn es keine Ereignisse gibt, die die Zeit unterbrechen und dem Leben für eine kurze Periode eine Bedeutung verleihen. Ich glaube daran, dass Dortmünders Leben keine Bedeutung hat, jetzt wo ich ihn verlasse und nach unten gehe. Im Spiegel überprüfe ich kurz, ob ...

Lebenslänglich (3/3)

Anfang verpasst? Hier klicken für Teil 1 Hier klicken für Teil 2. Steven war verdammt gut im Pokerspielen. Er erkannte einen Bluff. Und er verstand es, zu kontern. „Sie tun mir Leid.“, antwortete er deshalb dem Direktor auf dessen lange Ansprache. „Ganz ehrlich. Sie haben ein so gut sortiertes Haus, führen die Anstalt mit so viel Eifer und Übersicht. Sie bekommen sogar mit, wenn ihr Vorzeigenazi sich mit dem Vorzeigetunesier anfreundet, ihrem politischen Abschiebefall. Aber sie bekommen ...

Lebenslänglich (2/3)

Den Ersten Teil verpasst? Hier klicken! Steven wollte Münz auf dem Weg zur Mensa abholen und ihm von Dr. Lewens Auftritt erzählen, als er unterwegs auf Barek stieß, dessen dunkle Hautfarbe regelrecht blass geworden war. „Was ist dir denn passiert?“ „Nicht mir.“, antwortete Barek leise. Er drückte Steven zur Seite, abseits von dem Häftlingsstrom, der Richtung Mensa trieb. „Es hat heute Nacht einen Toten gegeben.“, sagte Barek düster. „Drüben in A.“ A, damit war wohl der ...

Junge Vulkane

Sobald die letzte Phase der Klimaerwärmung anbricht Ist das der Augenblick, der uns verspricht, Dass das Eis zwischen uns endlich aufbricht, Vergiss also bitte nicht Hinter jedem Sturm brennt Der Himmel im goldenen Licht Du und ich, wir sind junge Vulkane Wir brechen aus aus verkrusteten Zeiten Reißen harte Schalen Und schleudern sie raus in unendliche Weiten Wir sind die Asche, das Gas und das Nichts Die sich über die Kontinente ausbreiten Vergiss also bitte nicht Hinter jedem ...

Lass uns ein paar Fehler machen

Lass uns ein paar Fehler machen, wenn's schief geht, läuft's perfekt. Dann haben wir keine Story zum Erzählen, aber immerhin was gemacht. Lass uns ein paar Brücken bauen, wo niemand auf die andre Seite will. Im schlimmsten Fall stellt man sich drunter, hält der Regen nicht mehr still. Lass uns Steine aus Mauern schlagen, wo sie sagen, die hätten tragende Funktion. Wenn's mies läuft, stürzt der Himmel ein, dann gibt's auch keine Wollenkollission. Lass uns einmal lachen, wo es wichtig wird ...

„Fliegenschiss“

Eine vollkommen ahistorische Fliege, gar von jener sowohl eintägig als auch bremsenden Art, entledigte ihre ebenso ahistorischen Fäkalien kurzerhand und gedankenlos auf einem kleinkarierten Sakko. Da sie von nur unbedeutender Art ihr Dasein fristete, hegte sie kaum Interesse an den Worten, welche aus unmittelbarer Nähe an sie gerichtet waren. Es interessierte sie recht wenig, nun landweit als Nazi diffamiert worden zu sein. Statt dessen verließ sie das gar laut röhrende Zentrum, derer sie sich ...

Letzte Sendung

Berlin sagt letzte Meldung Leben Sie wohl - es war uns eine Ehre Das Gesicht ist bleich Die Augen flackern kurz Dann ganz starr und fest Die Augen sagen: halten Sie durch, Kämpft, bleibt stark Vor allem: bleibt! Die Hände liegen flach auf dem Pult Kein Zittern Keine Angst, kein Zorn, Keine Emotion Perfekter Journalismus Der sagt: leben Sie wohl Keine Ratschläge Keine Verweise Außer die rückwändige Einblendung: Die letzten auf Sendung Europa schweigt Erschreckender: keine ...