Sorry Greg, das Leben gibt’s nur Scheibchenweise – (1): Sorry über Instagram

Kollateralarbeit. Das Wort hab ich mit 16 erfunden. Meine Mutter hatte die Angewohnheit, meinen Teenagerfaulenzereien ein hieb- und stichfestes Argument entgegenzuhalten. Sie sagte zum Beispiel: „Greg, du könntest ruhig einkaufen gehen. Das dauert nicht lange. Vielleicht 15 Minuten. Es ist nicht viel, was du besorgen musst. Das meiste haben wir ja.“ Fünfzehn Minuten. Das war die reine Einkaufszeit. Und ja, fünfzehn Minuten hätte ich sicherlich selbst als Teenager zur Verfügung gehabt. ...

Papierflieger: (2) – geschlossene Augen, geöffnete Sinne

Sie drehte sich zu ihm um. Ihre Hände glitten in seinen Nacken und ihm kam wieder das erste in den Sinn,was er damals bei ihrem Anblick gedacht hatte: Mit welchen Worten kann man diese Haare beschreiben? Die sanft fließende Bewegung ihrer Haare bei jedem Schritt. Dieses flüssige Hin- und Her. Ein elegantes Gleiten, bei dem das Licht über den Haarglanz in Wellen tanzte. Jetzt wußte er es, jetzt. Als sie sich ganz langsam näherte. Als ihre Hände seinen Kopf ganz bestimmt zu sich herab zog. ...

Was aus Narben wächst (1) Karawane

  Antoine de Saint-Exupéry schrieb einmal „Das Wesentliche der Karawane aber entdeckst du, wenn sie sich abnutzt. Vergiss den eitlen Lärm der Worte und schau: Wenn der Abgrund ihrem Wege widersteht, umgeht sie den Abgrund; wenn der Fels sich erhebt, weicht sie ihm aus; wenn der Sand zu fein ist, sucht sie anderswo festen Sand, doch stets schlägt sie wieder die gleiche Richtung ein.“   Nachts waren alle Städte golden. Der Asphalt glitzerte, als ob Sterne eingepflastert wären. Leuchtreklamen ...

Truckstop (Symbol-Challenge)

Manchmal verändern sich die Zeiten, aber manchmal bist eben du es, der sich verändert und alles, was du siehst, hat plötzlich ein anderes Licht oder eine andere Farbe. Es ist sowieso immer alles eine Frage der Perspektive, oder nicht? Du kennst das bestimmt, wenn du gerade mies drauf bist, wirkt die Straße ganz anders als wenn du gut drauf bist. Der Truck, so sehr ich ihn mag, es gibt einfach Tage, da hab ich das Gefühl, dass das Fahrerhaus wirklich eine kleine Zelle ist und ich halte nichtmal ...

Briefe von Asraa

Erstes Bild   Vielleicht sollte er warten, bis sein Leben als Graphic Novel erschien. Das erste Bild dann nur in Brauntönen gehalten. Ocker. So wie das Cover von Cumbe von Marcelo D’Salete. Braun und Weiß. So ist das ganze Leben, nicht wahr? Als sie zum ersten Mal zu ihm aufgeblickt hatte und das Weiß ihrer Augen erst verriet, wie dunkel ihre Haut eigentlich war. Arabisch dunkel. So hatte sie es genannt. Ist mir egal, hatte er geantwortet. Deine Hautfarbe interessiert mich nicht. Warum ...

Des Wörterschmieds Schwur

Ich bau uns eine Höhle
Aus schwarzer Tinte und Papier
Und gibt es nichts mehr zu erzählen
Wir bleiben hier!

Wir denken uns die Welt aus
Silbensterne leuchten heute Nacht
Sie buchstabieren uns das Leben
Niemehr aufgewacht!

Und dreht sich über uns die Hölle
Aus blank weißem Firmament
schmieden aus Worten wir uns Treue
Auf ewig Pergament.

Nebel

Der Nebel

Sanft vor dem Tag

Sacht der Röte

Kraft nimmt

Dem Morgen

Den Atemhauch

Zum Negligee webt

Worin

Der Busen des Waldzugs

Sich wölbt vor Lust

Heiß glühend

Dir septembrisch entgegen

Voll Lust

Dir den Aufstieg

Zu süßen

Mit gierigem Wehn

Umschlingt das Nebelkleid

Dir deinen Leib

Fasst heimlich dich an

Stark bebt

Er dir durch die Glieder

Das erste Date

„Was nimmst du?“, fragte sie. Und er fragte sich, ob es irgendwo eine alternative Dimension gab, in der er zuerst gefragt hatte. „Huhn.“, sagte er. „Bäh.“, meinte sie. „Bäh?“ „Wegen den Fingern.“ „Dann gibt es hier immer so ein Zitronentuch, das ...“ „Findest du nicht, dass Hühnchen immer irgendwie barbarisch aussieht, wenn man es isst. Man zerfetzt es mit den Fingern. Man pult im Fleisch.“ „Stimmt. Jetzt, wo du es sagst, ....“, ein entschuldigendes Lächeln. ...

Vom Dach

Es waren andere Zeiten. Wir hatten gerade einmal drei Ausländer in der Klasse. Der Eine war Italiener, der Zweite Grieche und erst der Dritte ein Moslem. Wir sagten „Türke“ zu ihm, weil wir alle keine Ahnung hatten, dass er eigentlich Kurde war. Und ihm war das auch genauso egal wie seinen Eltern. Man nannte sie „die Türken aus der Lingenfeldstraße“. Oder „die Türken aus der 17“. Manchmal auch „die Türken mit dem roten Passat“. Und dabei gab es in ganz Pilzbach keine zweite ...