Miniatur

Salim rief so laut er nur konnte gegen das Chaos, gegen die Tauben am ausgetrockneten Kugelbrunnen, gegen die „Ballspielen verboten“ Schilder, unter denen zwei dickbäuchige Männer mit Goldketten Zigarillos zogen. Salim brüllte gegen die Frau, die sich einen goldenen Mosaiktisch vor ihr Teppichgeschäft gestellt hatte. Salims Worte gegen die schief endlos lange Fußgängerzone mit dem Liebespaar, das durch Herbstlaub raschelte, als wären sie zwanzig Jahre jünger. Lautstärke gegen die Hunde, ...

Gleichheit und Freiheit

Mitten im größten Gedränge sich einsam fühlen? Das ist ein altes menschliches Empfinden. Spätestens in dem Zeitalter der Industrialisierung begann es. Nicht wegen der Maschinen, die die Menschen zu ersetzen begannen: wegen der Vielzahl an Menschen, wegen des Gedränges. Je enger man zusammenrutscht, je mehr Bewegungsfreiheit verliren geht, desto mehr schafft die Seele sich im Körperinnern Platz. Desto mehr fühlt man in sich selbst hinein und erahnt was dieses Ich doch ein Gleiches ist. Freiheit ...

Was aus Narben wächst (1) Karawane

  Antoine de Saint-Exupéry schrieb einmal „Das Wesentliche der Karawane aber entdeckst du, wenn sie sich abnutzt. Vergiss den eitlen Lärm der Worte und schau: Wenn der Abgrund ihrem Wege widersteht, umgeht sie den Abgrund; wenn der Fels sich erhebt, weicht sie ihm aus; wenn der Sand zu fein ist, sucht sie anderswo festen Sand, doch stets schlägt sie wieder die gleiche Richtung ein.“   Nachts waren alle Städte golden. Der Asphalt glitzerte, als ob Sterne eingepflastert wären. Leuchtreklamen ...

Es gibt Augen, die so traurig sind

Und doch nicht einmal sagen

Halt mich fest, ich werde blind,

häng an den Fäden meiner Narben

Und auf die bleiche Haut fällt

Schräg das grüne Licht

Während die Welt sich weiter dreht

Bewegst du dich einfach nicht

Es gibt Stimmen, die laut reden

Worum es geht, sagen sie nicht

Sie zeigen auf das grelle Leben

Du beschattest dein Gesicht

Und zwischen mir und dir

Verwachsen die kalte, graue Stadt

Zwischen dir und mir

Zu viele Leben finden statt

So ein Mensch

So ein Mensch, der gelebt hat, Im Sterben aber gegen den losen Stein eines Damms fällt, Dessen Tod dann die Flut bringt, Und nunmehr nun nicht mehr Als ein Anstoß geworden ist: So einer ist in den Augen Der Welle kein Mensch mehr. Auf den Straßen der Republik: Wölfe Mit blutleerem Blick. So ein Mensch, den man brüllend Durch ein Land trägt, mit nichts Als Angst und Hass und Stolz Dessen Tod lauter klingt als sein Name, dessen Biografie Wertloser wurde als seine Beerdigung, so ...

Schirm

Komm unter meinen Schirm. Es beginnt zu regnen. Obwohl der Himmel wolkenlos ist. Verrückt. Die Sommerregen können unangenehm sein. Komm ruhig näher. Sag mir, wohin wir gehen und verlass dich auf mich. Langsam sinken alle Farben nach unten. Die Stadt tauscht das Licht mit der Welt. An der Uferpromenade zünden sie Fackeln an, haben sie gesagt. In der Fußgängerzone wird es so dicht, dass kein Durchkommen mehr möglich ist. Sieben Bühnen mit vielen verschiedenen Acts. Da wirst du nicht nur zerdrückt, ...

Signs

Ich lege meinen Arm um dich Ganz nah bei mir zu spürn Die Straße läuft auch ohne mich Woanders hin zu führn Der Regen malt seit Stunden Die Welt in Streifen an Die Fenster durch die Runden Auf unsrer Impressio Lebensbahn There are signs, which way to go There are signs, which way to stay Die Leuchtreklame blitzt Sterne Funkeln in den Tropfen auf der Sicht Verrinnt die Zeit. Komm wir gehen Nirgendwo hin als nur zum Licht. Die Himmel sollen stürzen Kann man überall, warum nicht hier mit mir Gibt ...

Visionen

Vor Zeiten, da in der Stadt alle Bewohner über all die Dinge Bescheid wussten, die es zu wissen gab über alle Nachbarn und alle im Viertel, ja über alle in der ganzen Stadt, da war es so, dass niemand sich für irgend etwas anderes als die eigenen Belange interessierte. Man war zufrieden in einfachster Manier sich einzuschließen und den Schatten an der eigenen Wand mehr Bedeutung beizumessen als dem Tageslicht oder den Gegenständen, die für die Schatten verantwortlich waren. Irgendwann hatte ...

Familienausfluch

Manche Erinnerungen schmerzen Wie von schweren Wagen in den Straßenasphalt gepresst Unablässig Manche Wegeführungen sind vertraut Bis um diese eine Ecke Wohinter auf einmal alles nach irgendwie aussieht Wertlos Wie der Straßenmusiker An dem großen, weiten Platz Mit Instrumenten beladen Mit Jahr für Jahr kehliger werdender Kehlkopfkrebsstimme Dort ist heute das Pflaster neu verteert, Strahlend und hell im Katzendiamant Unter Regenlachen Und selbst sein Schatten ist Aufgelöst Manche ...

Das Unbequeme – Essay

Die unbequemsten Menschen sind die, welche zum Zweck zu schlecht und zu[m] Mittel zu dumm sind. (Sophie Mereau-Brentano)   Meiner Erfahrung nach ist die Unterscheidung zwischen Zweck und Mittel nicht mehr so leicht zu verstehen. Man muss es mit dem Sprichwort erklären, eine Sache geschehe als „Mittel zum Zweck“. Ein Zweck ist ein Ziel. Und wenn Kant sagt, man darf nie einen Menschen als Mittel verwenden, stets immer nur als Zweck, dann bedeutet das: Jedes Handeln soll auf das Ziel „Mensch“ ...