Wiesbaden: Die Bürgschaft – ein Essay

Das Leben ist doch voller Kuriositäten, nicht wahr? Gestern war man noch Humanist und heute ist man bettelarm. Gestern waren wir noch christlich-sozial und heute, ach heute geht es uns vor unseren Flachbildfernsehern doch ziemlich katastrophal. Man kann ja mal nachrechnen. In Wiesbaden rechnete man jüngst ja auch den Humanismus auf. 40.000 Euro kostet es, wenn man zwei Jahre lang ein anständiger Humanist war. Die Rechnung ist einfach und nicht nur schlüssig, am Ende wird es sogar flüssig sein. ...

Gleichheit und Freiheit

Mitten im größten Gedränge sich einsam fühlen? Das ist ein altes menschliches Empfinden. Spätestens in dem Zeitalter der Industrialisierung begann es. Nicht wegen der Maschinen, die die Menschen zu ersetzen begannen: wegen der Vielzahl an Menschen, wegen des Gedränges. Je enger man zusammenrutscht, je mehr Bewegungsfreiheit verliren geht, desto mehr schafft die Seele sich im Körperinnern Platz. Desto mehr fühlt man in sich selbst hinein und erahnt was dieses Ich doch ein Gleiches ist. Freiheit ...

Hinter der unsichtbaren Ziellinie

Ab einem gewissen Erfahrungsschatz fühlt es sich an, als habe man eine unsichtbare Ziellinie erreicht. Du musst dich jetzt nicht mehr verändern, denkst du. Du kannst von jetzt ab dein Leben einfach auslaufen lassen. Du weißt, es gibt Leute, mit denen du klarkommst und Leute, die nicht mit dir klarkommen. Du brauchst dich nicht mehr so intensiv zu verändern. Du hast dein Leben gefunden. Das nennt sich das Wahre Leben, die Erfüllung. Träume sind nur noch für den Schlaf reserviert. Im Radio läuft ...

Ganz Europa

Ganz Europa ist ein Auge,
das sich schließt
vorm Anblick dieser Welt.

Ganz Europa ist ein Mund,
der in tausend
wirren Sprachen schweigt.

Brav schaut man zu dem Glanz
empor, der sich
über Europa wölbt.

Brav nennt man diese Blase
Heimatglück,
die Europa dünn umgibt.

Und wird das Bläslein einst
über den Köpfen platzen,
platzt nass es zu uns rein:

Europa war ein Aug
worauf die Trän‘ sich formte
so klar und – ach – so rein!

Der Selbstoptimierer

In der schwülen Halle wälzten sie tiefgründige Worte wie: „Alles fängt bei dir an und hört bei dir auf.“ der Ratgeber auf der Bühne wirkte schon nach wenigen Minuten verschwitzt und überanstrengt. „Du bist dein eigener Weg, du solltest aber auch dein Ziel sein.“ und man blätterte in Ringgehefteten Broschüren, die im Preis inbegriffen waren und folgte den Anweisungen: Notiere Stichwortartig, wie du dich gerne auf dieser Welt sehen möchtest! Darunter stand in geschnörkelter Schrift: ...

Buchenwald (3)

Ich bin eingeschlafen, als ich zu Hause ankam. Und da war sofort dieser Traum. Wie ich aus der Tür trete. Hinter mir blieb das große, pechschwarze und undurchsichtige Ewigwabernde zurück. Ich trat von der Wärme hinaus in die grelle Kälte. Stand auf einer unendlich weiten Fläche voller Kieselsteine. Die Luft schmeckte staubig, steinig, ähnlich wie Kalk. Ich hob einen Stein auf, einen der Weißen. Jnd ich sah, dass das Weiße sich wie Kreide abwischen ließ. Ich sah auf, schnürte mir den ...

Verlierer und Geschichte

Nicht die Geschichte sollte Verlierer,

Verlierer sollten Geschichte schreiben.

Nicht ihres Blutes wegen, ihres Leids,

Es drängt sie, Gerechtigkeit möge

Wenn schon nicht einst ihnen

So doch der Wahrheit wiederfahren,

Die fortan der Geschichte wiederfährt.

Nicht die Geschichte sollte Verlierer,

Verlierer sollten die Geschichte treiben

Vor sich her. Denn Verlierer

Haben nur die Zukunft als Heimat.

Dein einfaches Leben

Leb dein einfaches Leben. Du wirst glücklich konform. Denk nach, was der Vordenker vordenkt, der den Zug lenkt, der die Arme im richtigen Augenblick verschränkt. Denk, was dein Bauch dir empfiehlt, denk, was dir die Straße befiehlt. Denk - dir die Welt nicht größer als sie dir ist. Über besondere Menschen gibt es keine Serien, der besondere Mensch ist der erste, den die Welt vergisst. Leb nicht über die Tapeten hinaus. Leb nur diesseits des Fensters, halt die Welt aus deinem Leben und du dich ...