Die Einschulung

Es war schon merkwürdig, wie sich die Gesprächsthemen bei Tisch verändert hatten. Da war mal eine Zeit, in der man einfach schweigend an einem Grill gestanden hatte, Schulter an Schulter, in die Glut geblickt hat und alles war gut. Man nannte so was: „Den Gott einen lieben Mann sein lassen“. Und während die Tischgespräche dann langsam gewechselt waren zu bedenklichen, politischen Zuständen, man sich über Präsidenten genauso intensiv unterhielt wie über die Schreibfähigkeiten deutscher ...

Die Axt

Ein einziges Wort kann der Keil sein, welches die Gesellschaft spaltet.

Im Kopf eines Menschen, der dieses Wort als Ideologie dort aber inthronisiert hat, kann es auch die Axt sein, die aus goldener Gegenwart düstere Scheite schlägt, um der Welt ein großes Feuer zu bereiten.

Satire: die Namensammler

An der einen Stelle sammelt man Namen und Daten und alles, was man über den Namen so wissen kann. Nicht, was man wissen muss, sondern viel mehr. Was es zu wissen gibt. An der einen Stelle sammelt man Namen und Daten und alles, was in dem Namen so alles drin steckt. So wie in einem Ei ein Kücken, so steckt in dem Namen ein Individuum und eine individuelle Realität. Da weiß man irgendwo, dass irgendwo anders ein irgendjemand an irgend einem bestimmten Tag an einem irgend bestimmten Ort war und ...

Was schauen‘s?

Was schauen's denn da? Fußball? Oder Politik? Oder etwas ganz anderes? Ist im Sport gesendet. Redet aber ein Minister drüber. Redet zu wem? Schon mal das gefragt? Redet zu den jungen Ruhrpotttürken? Zu den Integrierten oder über sie? Zu den Nicht-Integrierten? Nicht integrierbar, sagen sie? Zu große Kulturunterschiede? Ach sehen's, ich halt's da wie die Stachelschweine vom Schopenhauer. Ich glaub, alle Kulturen haben so ihre Dornen. Warum ich so red? Passt ihnen was net? Red net gegen ...

Die Tage des Eisvogels

Stumm wie ein Abend, der über uns niedergleitet, So sanft und gefällig aus dünnstem Geflecht Leicht zu zerreißen mit flüsternder Stimm nur Ein letztes Mal urteilt die Welt gerecht, Wenn um den Körper sie legt die glänzende Gischt So gnädig umschmeichelt das Meer seinen Leib Leicht zu erinnern, schwer zu vergessen Die Winde flüstern im Traum das Wort „Bleib!“ Doch die Klippen stehn absprungbereit Doch die Klippen deuten scharfkantig auf Sturm Und die Lippen beben vor Angst vor der Zeit Hoch ...

Junge Vulkane

Sobald die letzte Phase der Klimaerwärmung anbricht Ist das der Augenblick, der uns verspricht, Dass das Eis zwischen uns endlich aufbricht, Vergiss also bitte nicht Hinter jedem Sturm brennt Der Himmel im goldenen Licht Du und ich, wir sind junge Vulkane Wir brechen aus aus verkrusteten Zeiten Reißen harte Schalen Und schleudern sie raus in unendliche Weiten Wir sind die Asche, das Gas und das Nichts Die sich über die Kontinente ausbreiten Vergiss also bitte nicht Hinter jedem ...

Das Bäckermärchen

Man erzählt sich, dass in einem ganz anderen Land, weit, weit von hier entfernt, es jede Woche zu einem außergewöhnlichen Erlebnis kam. Und zwar in einer Bäckerei. Ein junger Mann, keine dreißig Jahre alt und sicher längst keine achtzehn mehr, betrat einmal die Woche eine kleine Bäckerei, in welcher man weder vor noch hinter der Theke genug Platz hatte, sich um die eigene Achse zu drehen. Er betrat den stets nach warmen Backwaren riechenden Laden mit einer gezogenen Klingenwaffe, ein sehr ...

Worte

Worte vergessen das Leben Sie treiben durch die Zeit Und prägen höchstens Was wir heute damit meinen Wenn wir Transitzentrum sagen Konzentrationslager meinen Oder Ghetto Oder Aussatz Oder Saat In den Seelen Der Namen- und Wort- Und Sprachlosen In den Zwischenzeilen Der Geschichtsbücher Worte vergessen das Leben Deshalb füllt unser Leben Ihre Bedeutung mit Sinn Der sich ergibt Den wir nicht machen können Machen können wir nichts Nur die Worte Die machen und machen und machen ...

Fühle

Der Himmel in makelloser Weite Du weißt, wie ich mich fühle Die Konturen der halben Welt Auf den Staub eines Hinterkopfs gezeichnet Mit schwacher Fingerspitze Du weißt, wie ich mich fühle Die Schatten, die an uns kleben Du weißt, wie ich mich fühle In den schwarzen Schattentaschen Haben wir das Reisegeld Zerknüllte Scheine Selbstbemalt mit dem Dreck, Der im Blut war Du weißt, wie ich mich fühle Kaum gerade stehen Der letzte Anstand an den Nächsten Hält uns aufrecht Du ...