Ruhrgebiet 2019

Das Ruhrmuseum in Essen behauptet, die Menschen im Ruhrpott haben sich immer mit dem Prädikat der Männlichkeit selbstinterpretiert. Hier sei das Malochen wesentlicher Bestandteil der Selbstinszenierung, der Selbsterfüllung, vielleicht sogar des ganzen Selbstes. Fußball, Mantas, Reihenhausromantik, Straßenkinder, Trinkhallen, Industriecharme, Ruß statt Rouge. Und alles läge zerbrochen und im Wandel einbegriffen. Der Mann ist deutschlandweit nicht mehr das, was er einmal war. Männlich nicht ...

Anekdote

In den Wartezimmern der Kinderärzte hängen immer Bilder von Janosch. Und überraschenderweise gibt es immer Familien, die nur hier in Kontakt kommen mit der dement-anarchischen Fantasiewelt des schnauzbärtigen Tenneriffa-Künstlers. Auf einem seiner Kinderarztbilder lag der kleine Tiger am Fußrand des Bettes auf den hoch aufgetürmten Decken unter denen ein altbackenes Fieberthermometer aus dem Mund des Freundes hervor lugte. Die Unterschrift lautete: „Ich mach dich wieder gesund, kleiner ...

Wiesbaden: Die Bürgschaft – ein Essay

Das Leben ist doch voller Kuriositäten, nicht wahr? Gestern war man noch Humanist und heute ist man bettelarm. Gestern waren wir noch christlich-sozial und heute, ach heute geht es uns vor unseren Flachbildfernsehern doch ziemlich katastrophal. Man kann ja mal nachrechnen. In Wiesbaden rechnete man jüngst ja auch den Humanismus auf. 40.000 Euro kostet es, wenn man zwei Jahre lang ein anständiger Humanist war. Die Rechnung ist einfach und nicht nur schlüssig, am Ende wird es sogar flüssig sein. ...

Ganz Europa

Ganz Europa ist ein Auge,
das sich schließt
vorm Anblick dieser Welt.

Ganz Europa ist ein Mund,
der in tausend
wirren Sprachen schweigt.

Brav schaut man zu dem Glanz
empor, der sich
über Europa wölbt.

Brav nennt man diese Blase
Heimatglück,
die Europa dünn umgibt.

Und wird das Bläslein einst
über den Köpfen platzen,
platzt nass es zu uns rein:

Europa war ein Aug
worauf die Trän‘ sich formte
so klar und – ach – so rein!

Der Selbstoptimierer

In der schwülen Halle wälzten sie tiefgründige Worte wie: „Alles fängt bei dir an und hört bei dir auf.“ der Ratgeber auf der Bühne wirkte schon nach wenigen Minuten verschwitzt und überanstrengt. „Du bist dein eigener Weg, du solltest aber auch dein Ziel sein.“ und man blätterte in Ringgehefteten Broschüren, die im Preis inbegriffen waren und folgte den Anweisungen: Notiere Stichwortartig, wie du dich gerne auf dieser Welt sehen möchtest! Darunter stand in geschnörkelter Schrift: ...

Buchenwald (3)

Ich bin eingeschlafen, als ich zu Hause ankam. Und da war sofort dieser Traum. Wie ich aus der Tür trete. Hinter mir blieb das große, pechschwarze und undurchsichtige Ewigwabernde zurück. Ich trat von der Wärme hinaus in die grelle Kälte. Stand auf einer unendlich weiten Fläche voller Kieselsteine. Die Luft schmeckte staubig, steinig, ähnlich wie Kalk. Ich hob einen Stein auf, einen der Weißen. Jnd ich sah, dass das Weiße sich wie Kreide abwischen ließ. Ich sah auf, schnürte mir den ...

Verlierer und Geschichte

Nicht die Geschichte sollte Verlierer,

Verlierer sollten Geschichte schreiben.

Nicht ihres Blutes wegen, ihres Leids,

Es drängt sie, Gerechtigkeit möge

Wenn schon nicht einst ihnen

So doch der Wahrheit wiederfahren,

Die fortan der Geschichte wiederfährt.

Nicht die Geschichte sollte Verlierer,

Verlierer sollten die Geschichte treiben

Vor sich her. Denn Verlierer

Haben nur die Zukunft als Heimat.