Heldenzeit

In der Sonntagszeitung, welche vor gar nicht so vielen Jahren sogar als ein souveränes Blatt angesehen worden war, ließ sich derzeit ein Artikel lesen von einem neunjährigen Jungen, der sich mit einem blauen Cape und einer blauen Maske verkleidet in der Nachbarschaft als Alltagsheld präsentierte. Dem Klischee entsprechend hatte er damit begonnen, am Straßenrand zu warten, ob er alten Frauen hinüber helfen könne. Dem folgte die Idee, an heißen Spätsommertagen kostenlos kühles Wasser den ...

Die postheroische Zeit (Essay)

  Im Radio wurde diskutiert. Und nichts lieber ist den Moderatoren in ihrer Diskussion, als wenn es um den Zustand im Land geht. Denn Zustände sind immer an bestimmten Ereignissen ablesbar, Ereignisse, die sie Symptome nennen und eifrigst interpretieren und von allen Seiten her auflösen, wie man auch einen Jahrhunderte alten Wald von allen Seiten her auflösen kann, um ihm schließlich auf den wertvollen und ach so schmutzigen Braunkohlegrund zu kommen. Man diskutierte in diesen Tagen viel ...

Briefe von Asraa

Erstes Bild   Vielleicht sollte er warten, bis sein Leben als Graphic Novel erschien. Das erste Bild dann nur in Brauntönen gehalten. Ocker. So wie das Cover von Cumbe von Marcelo D’Salete. Braun und Weiß. So ist das ganze Leben, nicht wahr? Als sie zum ersten Mal zu ihm aufgeblickt hatte und das Weiß ihrer Augen erst verriet, wie dunkel ihre Haut eigentlich war. Arabisch dunkel. So hatte sie es genannt. Ist mir egal, hatte er geantwortet. Deine Hautfarbe interessiert mich nicht. Warum ...

Der Wald

Setz dich zu mir hin, Baby, hier zu mir an diesen Baum hier träumte schon vor tausend Jahrn der Wald den großen Traum. Setz dich zu mir hin, Baby, leg deinen Kopf ruhig her hier brennt’s noch lange nicht, nein hier ist die Luft noch nicht zu schwer. Setz dich zu mir hin, Baby, und ruh dich mit mir aus. Die andern sollen schrei’n und tob’n Der Kampf holt sie schon aus dem Grünen raus. Setz dich zu mir hin, Baby, das letzte Stückchen Lebenswert dort vorne ist die Grenze aber hier ist’s ...

Ungefähr

Du kamst von ungefähr Und lagst ungefähr mit mir In einem ungefähren Park Ungefähr nicht weit von hier Ungefähr woanders Ist die ungefähre Stadt Ungefähr am durchdreh’n Alle sind ungefähr wie satt Ungefähr wir beide Können ungefährlich sein Ungefähr wir beide Sind ungefährlich klein Wir hör’n das ungefähre Atmen Einer ungefähren Welt Ein ungefähres Leben Das nur ungefähr gefällt Halt dich ungefähr an mir fest Ungefähr so fühlt es sich an Wenn man ungefähr nicht mehr Ungefähr ...

So ein Mensch

So ein Mensch, der gelebt hat, Im Sterben aber gegen den losen Stein eines Damms fällt, Dessen Tod dann die Flut bringt, Und nunmehr nun nicht mehr Als ein Anstoß geworden ist: So einer ist in den Augen Der Welle kein Mensch mehr. Auf den Straßen der Republik: Wölfe Mit blutleerem Blick. So ein Mensch, den man brüllend Durch ein Land trägt, mit nichts Als Angst und Hass und Stolz Dessen Tod lauter klingt als sein Name, dessen Biografie Wertloser wurde als seine Beerdigung, so ...

Die Einschulung

Es war schon merkwürdig, wie sich die Gesprächsthemen bei Tisch verändert hatten. Da war mal eine Zeit, in der man einfach schweigend an einem Grill gestanden hatte, Schulter an Schulter, in die Glut geblickt hat und alles war gut. Man nannte so was: „Den Gott einen lieben Mann sein lassen“. Und während die Tischgespräche dann langsam gewechselt waren zu bedenklichen, politischen Zuständen, man sich über Präsidenten genauso intensiv unterhielt wie über die Schreibfähigkeiten deutscher ...

Satire: die Namensammler

An der einen Stelle sammelt man Namen und Daten und alles, was man über den Namen so wissen kann. Nicht, was man wissen muss, sondern viel mehr. Was es zu wissen gibt. An der einen Stelle sammelt man Namen und Daten und alles, was in dem Namen so alles drin steckt. So wie in einem Ei ein Kücken, so steckt in dem Namen ein Individuum und eine individuelle Realität. Da weiß man irgendwo, dass irgendwo anders ein irgendjemand an irgend einem bestimmten Tag an einem irgend bestimmten Ort war und ...

Was schauen‘s?

Was schauen's denn da? Fußball? Oder Politik? Oder etwas ganz anderes? Ist im Sport gesendet. Redet aber ein Minister drüber. Redet zu wem? Schon mal das gefragt? Redet zu den jungen Ruhrpotttürken? Zu den Integrierten oder über sie? Zu den Nicht-Integrierten? Nicht integrierbar, sagen sie? Zu große Kulturunterschiede? Ach sehen's, ich halt's da wie die Stachelschweine vom Schopenhauer. Ich glaub, alle Kulturen haben so ihre Dornen. Warum ich so red? Passt ihnen was net? Red net gegen ...