Die Einschulung

Es war schon merkwürdig, wie sich die Gesprächsthemen bei Tisch verändert hatten. Da war mal eine Zeit, in der man einfach schweigend an einem Grill gestanden hatte, Schulter an Schulter, in die Glut geblickt hat und alles war gut. Man nannte so was: „Den Gott einen lieben Mann sein lassen“. Und während die Tischgespräche dann langsam gewechselt waren zu bedenklichen, politischen Zuständen, man sich über Präsidenten genauso intensiv unterhielt wie über die Schreibfähigkeiten deutscher ...

Dirt in the Ground (3/4)

Er hat kein einziges Buch in seinem Haus. Sagt man nicht, ein Haus ohne Buch sei ein Haus ohne Seele? Ja, ich weiß. Wenn man das Schlechte sehen will, dann sieht man es. Überall hier. Alles in dieser Wohnung, von der ich überzeugt bin, dass sie seinen Charakter widerspiegelt, widert mich an oder stößt mich wenigstens ab. Ich finde nichts, womit ich mich beschäftigen könnte. Keine Zeitschrift. Kein Fernseher. Diese Wohnung ist nichts als eine weiße Wand, eine Projektionsfläche. Und alles ...

Lebenslänglich (3/3)

Anfang verpasst? Hier klicken für Teil 1 Hier klicken für Teil 2. Steven war verdammt gut im Pokerspielen. Er erkannte einen Bluff. Und er verstand es, zu kontern. „Sie tun mir Leid.“, antwortete er deshalb dem Direktor auf dessen lange Ansprache. „Ganz ehrlich. Sie haben ein so gut sortiertes Haus, führen die Anstalt mit so viel Eifer und Übersicht. Sie bekommen sogar mit, wenn ihr Vorzeigenazi sich mit dem Vorzeigetunesier anfreundet, ihrem politischen Abschiebefall. Aber sie bekommen ...

Schirm

Komm unter meinen Schirm. Es beginnt zu regnen. Obwohl der Himmel wolkenlos ist. Verrückt. Die Sommerregen können unangenehm sein. Komm ruhig näher. Sag mir, wohin wir gehen und verlass dich auf mich. Langsam sinken alle Farben nach unten. Die Stadt tauscht das Licht mit der Welt. An der Uferpromenade zünden sie Fackeln an, haben sie gesagt. In der Fußgängerzone wird es so dicht, dass kein Durchkommen mehr möglich ist. Sieben Bühnen mit vielen verschiedenen Acts. Da wirst du nicht nur zerdrückt, ...

Synästhetic

Fühlt sich grad an Als wären alle Worte im Kopf Schmetterlinge in etwas zu Starken Sommerwindwirbeln Fühlt sich grad Alles andere als gradlinig an In meinem Kopf schwirren Bilder von dir wie Maikäfer Um Lichtwolken herum Die durch taugesprenkelte Lilanächte in Erinnerungsfetzen Verklumpen, Die vor lauter Geschwirre Undurchdringlich schwarz werden. In meinem Brustkorb klingt es Wie mit der gewaltigsten Kraft Der Erde gegen die dickwandigste Goldglocke gedroschen Dröhnende Ununterscheidbarkeit Zwischen ...

Visionen

Vor Zeiten, da in der Stadt alle Bewohner über all die Dinge Bescheid wussten, die es zu wissen gab über alle Nachbarn und alle im Viertel, ja über alle in der ganzen Stadt, da war es so, dass niemand sich für irgend etwas anderes als die eigenen Belange interessierte. Man war zufrieden in einfachster Manier sich einzuschließen und den Schatten an der eigenen Wand mehr Bedeutung beizumessen als dem Tageslicht oder den Gegenständen, die für die Schatten verantwortlich waren. Irgendwann hatte ...

Mein verlorener Ort – Berlevåg

Und wieder und wieder Wellen. Wasser und Fels. Grau und Schwarz. Ein Labyrinth aus grobkantigem Gestein. Das Gefühl, unbedeutend zu sein, steigt, gemeinsam mit den Schwingen des Kormorans, der sich jetzt abstößt, jetzt, hinter dem Fels in die Luft. Dem eisigen Wind trotzt, der mir entgegenatmet. Trotzt durch den Sprühnebel der Meergewalt. ...

Wie ich Schuld trage

Wie ich Schuld trage: Wie ein Geheimnis Mit dem Gewicht eines steinbewölkten Firmaments Mit wachsendem Unterdruck Weil die Himmel sich auftürmen Und das Leben an Tiefe gewinnt Wie ich Erinnerung trage: Wie ein Halten von Atem In Lungenflügeln, Die in den Brustkammern bis zum Äußersten Auf die Auflösung gespannt sind Wie ein Apnoe Der nicht sinkt Dem die Oberfläche davonzieht Und der noch die Himmel über den Wassern Zu spüren beginnt Wie ich Fehler trage: Als Loslösung Ihr Sinken - mein ...