Wenn sein Leben ein Song wär

Sie fragt: Wie hältst du es aus? In deiner Haut? Er sagt nichts Weil er der Frage nicht traut, Die sich hinter all ihren Fragen aufstaut Sie packt Ein ganzes Leben zusammen Ein Leben aus Schmerz Er schaut aus dem Fenster In seiner Brust schlägt längst Nicht mehr nur noch sein Herz. Und er denkt: Wenn dieses Leben ein Lied wär Dann käm jetzt das Fill-In Mit verzerrten Gitarren Und donnerndem Schlagzeug darin Und nichts wäre so still Wie ein endgültiges „Fick dich!“ Das sie nicht aussprechen ...

Papierflieger (5) – Erinnerung

Es ist furchtbar. In letzter Zeit werden ständig Gräber geschändet. Sie schmieren Farbe quer über den Grabstein, reißen Blumen aus der Graberde. Und es gibt keine Hinterbliebenen mehr, die für die Rechte des Toten eintreten könnten. Alles bleibt an uns hängen, die ihn ja gar nicht kannten. Die Rechnungen sind noch für Jahre bezahlt. Selbst wenn wir keine Moral hätten, daran soll es nicht scheitern. Wir machen täglich den Dreck weg, der auf dem kleinen Fleckchen Erde abgeworfen wird. Ich ...

Das Netz des Lebens

Erster Schritt: Familienzeit. Alles fährt runter. Der Blick richtet sich nach innen, je dunkler es wird. Alles geschmückt. Überall Glanz an den Fassaden, der sich in den Augen spiegelt. Zweiter Schritt: Silvester. Überall sagen sie: Altes endet, Neues beginnt. Vorsätze. Darum blickt man zurück. Blick von innen heraus auf das eigene Leben und die Entscheidungen gerichtet. Letzter Schritt: Selbstmord. In dieser Zeit mehr denn je. Weil man sich versieht. An den entscheidenden Dingen vorbeiblickt. ...

Der beste Winter

Der beste Winter, an den ich mich erinnern kann, war der, als ich sieben Jahre alt war. Das ganze Wochenende über war es trüb gewesen. Es hatte über Nacht geregnet. Und nichts, wirklich nichts hatte nach Winter ausgesehen. Bis zum nächsten Morgen. Auf der Straße lag eine zentimeterdicke Eisschicht. Die Luft schmeckte nach nichts als nach Kälte. Der Himmel sah aus wie zementiert und nur ein einzelner Vogel saß drüben auf dem Grundstück der Ullmanns auf dem gefrorenen Kopf eines Holzpfahls ...

Buchenwald (3)

Ich bin eingeschlafen, als ich zu Hause ankam. Und da war sofort dieser Traum. Wie ich aus der Tür trete. Hinter mir blieb das große, pechschwarze und undurchsichtige Ewigwabernde zurück. Ich trat von der Wärme hinaus in die grelle Kälte. Stand auf einer unendlich weiten Fläche voller Kieselsteine. Die Luft schmeckte staubig, steinig, ähnlich wie Kalk. Ich hob einen Stein auf, einen der Weißen. Jnd ich sah, dass das Weiße sich wie Kreide abwischen ließ. Ich sah auf, schnürte mir den ...