Marie Mallarmé – Kapitel 6

Sie interessierten sich nicht für Nähe.

Aus der Nähe verzerrt sich die Wahrnehmung, sagte Bernard mit sehr viel Gewicht in der Stimme.

Sie lagen nebeneinander in ihrem Versteck und blickten durch die Geländerstäbe. Das Geländer war hier oben so dick, dass kaum Platz für die Spalten dazwischen geblieben war. Die Farbe war eine Mischung aus Silber, Blau und Grau. Eine Farbe, die keinen Namen hat, dachte Marie Mallarmé. Jede Farbe hat einen Namen. Aber nicht die hier. Der Handlauf ist dunkelgrau. So wie die Farbe von Bleistiftminen, die man mit einem spitzen Gegenstand abkratzt, sodass feiner Staub auf dem Papier landet. Den kann man mit dem Finger verreiben. Und dann bleibt ein dunkler, glitzernder Rest in den Rillen der Finger zurück.

Damit konnte ihr Vater zaubern.

Siehst du, Schatz. Normalerweise ist Glitzer etwas Helles und Leuchtendes. Aber ich habe den schwarzen Glitzer.

Und das Geräusch, wie der Finger über das raue Papier streicht.

Erst langsame Linien.

Dann schnelle Schraffuren.

Wenn ich zeichne, kann ich dir jede Welt erfinden, die du dir ausdenken kannst.

Erfinde wieder wie alles richtig ist, dachte Marie Mallarmé.

Sie fragte sich, wie ihr Vater diesen Raum gemalt hätte. Ob die Treppe genauso breit gewesen wäre, die Stufen genauso tief und flach, dass man selbst mit einem Kinderschritt nicht Schritt für Schritt Stufe für Stufe nehmen konnte.

„Du musst schon mit dem Hintern wackeln, wenn du hier ordentlich gehen willst.“, hatte Bernard ihr lachend erklärt. „Sonst gehst du – eine Stufe, zwei Stufen, eine Stufe, zwei Stufen. Und manchmal, wenn du nicht aufpasst, stößt du mit den Zehenspitzen trotzdem vorne gegen das Senkrechte.“

Die anderen Kinder rannten über die Treppe. Aber nur über das untere Drittel.

Wenn das Wetter nicht gut ist, dürfen sie ausnahmsweise in der großen Halle toben. Aber nicht alle. Und nicht mit einem Ball.

„Das da ist Alain“, erklärte Bernard, ihr allwissender Reiseführer durch das Haus. „Er ist aus der Schweiz und er hat einen ganz merkwürdigen Akzent. Du solltest dich mal mit ihm unterhalten. Vor allem, wenn er sich aufregt, irre komisch.“

Der Junge, von dem Bernard sprach war ein hagerer Kerl mit wildem Haar, dass man fast hätte meinen können, er sei frisch aus dem Sturm herein gekommen. Als er einmal kurz nach oben aufblickte, sah Marie Mallarmé, dass Alain leuchtende blaue Augen hatte. So blau wie ein Kristall.

Aber Bernard zeigte ihr schon den nächsten: „Adrien. Ein verdammt starker Kerl. Der hat Muskeln wie ein Bär. Und das sieht man ihm gar nicht an. Und dann sieht er auch immer so aus, als ob er gerade Lust darauf hätte, das Nächstbeste kurz und klein zu schlagen. Aber vertrau mir, hinter dieser Löwenbrust schlägt ein weiches Herz. Der kann keinem was zu Leide tun. Oh, sieh mal da: das Mädchen, das gerade reinkommt. Das ist Tamara. Du wirst bestimmt denken: Mein Gott, ist das ein schönes Mädchen. Und ich werd es dir lieber sofort sagen: ich war mal in sie verliebt. Aber das ist vorbei. Ich hab sie reden gehört. Wenn die einmal anfängt, etwas zu erzählen, hört die gar nicht mehr auf.“

Marie Mallarmé musste grinsen.

Aber nicht nur entstanden fein gezeichnete Fältchen an den Winkeln ihrer Augen, die Augen verzogen sich auch zu schmalen Schlitzen. Und damit veränderte sich die Sicht des Mädchens. Die langen Wimpern rückten enger zueinander. Für sie sah es dadurch so aus, als ob die Halle dort unten weich gezeichnet wäre. Und während der Wind draußen einmal laut um die Mauern strich und ein rauschendes, tief pfeifendes Geräusch verursachte, glaubte sie einen sehr großen dunklen Stift über den Ausblick huschen zu sehen. Ein Stift, der das Bild fertig malte, während Bernard weiter beschrieb.

Er redete von zwei Jungen, die immer miteinander rauften, von einem Mädchen, das bei jeder Gelegenheit heulte, aber die nur halb so schlimm wäre, wie der blonde Junge mit dem weißen Pullover. Niemand kennt seinen Namen, aber jeder weiß, dass er so oft am Weinen ist, wie Kinder lachen oder Erwachsene ernst dreinschauen.

Währenddessen verharrte Marie Mallarmés Gesicht fratzengleich in dieser grinsenden Haltung, die ziemlich schnell anfing, sich krampfhaft und dann schmerzhaft anzufühlen. Sie blieb darin, weil sie ihn sehen konnte: ihren Vater. Und sie wollte ihn nicht verlieren. Sie sah seine Hand, seine überdimensional große Hand, oder eigentlich sah sie nur dessen Schatten, der groß und rund über der Halle schwebte. Aber den Stift, den sah sie tatsächlich. Und die schwarze Spitze, die über dem Boden sanfte Linien zeichnete, weil die Fliesen da unten noch ein schönes Muster brauchten.

Sie sah, wie er den Standort wechselte und einfach zu den Wänden herübersprang. Dort begann der Stift zu schraffieren. Und das Geräusch, dieses flüsternde Geräusch, wenn der Stift das Papier

(die Realität)

berührte.

Es war wie ein Tanz. Sie erinnerte sich. Es sah immer aus wie ein Tanz, wenn man nah genug heran kam.

Etwa wenn sie bäuchlings auf dem großen Zeichentisch lag. Die Beine nach oben angewinkelt und überkreuzt. Im Schlafanzug. Nachts, wenn sie nicht schlafen konnte. Er sagte, dass es ihm leid tat. Und ganz sanft: Komm her.

„Vorschlag: Wir machen es uns hier zusammen so gemütlich, wie es nur geht.“

„Es ist aber nicht gemütlich.“, widerspricht sie.

„Ich weiß. Das ist es ja. – Pass auf, hier.“, er trägt sie ins Arbeitszimmer und setzt sie kurz auf seinen Stuhl. Dann räumt er die Sachen rechts von dem Zeichenpapier auf. Eigentlich räumt er überhaupt nicht auf. Er nimmt alles, schiebt die Papiere zusammen und legt sie auf den Boden. Aber es ist jetzt alles frei auf dem Tisch. Und er nimmt sie, hebt sie, so sanft, als würde sie nichts wiegen. Und er legt sie so auf den Tisch, dass sie alles sehen kann. Und er bringt ihr ein dünnes Kissen.

„Im Büro“, sagt er, „ist es nie gemütlich. Das ist der Ort zum Arbeiten. Nicht zum Kuscheln. Nicht zum Reden, oder Erzählen. Nicht zum Spielen. Der Stuhl ist hart und der Stift … hier“, er hält ihr die Hände hin, zeigt ihr die Hornhaut am Mittelfinger und sie streicht darüber und ihre Erinnerung birgt dieses Gefühl wie einen Schatz. „Es ist immer unbequem. Der Trick besteht darin“, fährt er fort. „Es sich gemütlich zu machen. Man muss es lieben, verstehst du?“

„Nein.“

„Dann pass auf.“

Und er setzt sich und nimmt seinen Stift und den großen Bogen Papier, auf dem die große Skizze schon begonnen ist. Dieses Bild, das er morgen fertig haben muss. Weil er das Morgen eine „Deadline“ nennt.

„Kann ich dir helfen?“

„Sht.“, macht er – aber nicht böse, sondern sanft. Und mit diesem Lächeln, das sie auffängt, wenn sie sich unsicher fühlt in dieser Welt.

Er erklärt: „Für die einen ist das Arbeit. Aber wenn man genau hinschaut, dann wirst du sehen, dass es gar nicht wie Arbeit aussieht. Sieh ganz genau hin, Marie Mallarmé. Sieh ganz genau hin. Und wenn du es nicht so genau sehen kannst. Dann liegt das normalerweise daran, dass du da unten auf dem Boden zu weit von meiner Arbeit entfernt bist. Jetzt bist du aber hier oben. Du bist bei mir und du bist ganz nah dabei.“

Und sie sieht, dass seine Arbeit aus der Nähe ein Tanz ist.

Ein Spiel.

Wie der Stift eine Welt auf das Papier

(in die Realität)

zaubert. Und wie er alle Fehler, die in dieser Arbeit entstehen, korrigiert. Sie sieht, wie aus einer weißen Fläche eine Halle entsteht mit spielenden Kindern und einer Treppe und einem Geheimversteck hinter einem Treppengeländer, wo sich zwei Kinder verstecken könnten, um alles zu sehen.

Und als sie schläft, trägt er sie zurück in ihr Bett, damit er mit mehr Zeit an ihrem Bettrand erscheinen kann, sobald sie die Augen wieder aufmacht.

Aber er ist nicht da.

Und irgendwann musste sie die Augen ja wieder öffnen. Sie konnte nicht ihr Leben lang mit dieser Fratze herumlaufen. Die Augen gingen wie von selbst auf und zeigten ihr die Welt wieder wie sie wirklich war.

„Und den da unten kennen wir ja.“, murmelte Bernard und klang überhaupt nicht glücklich.

„Thomeo.“, sagte Marie.

„Ja, genau. Wer hat den denn hierher gezeichnet?“, machte Bernard gedankenverloren, ohne zu bemerken, wie Marie wie unter einem kurzen, aber sehr tiefen Schmerz zusammenzuckte.

 

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