Behind the Scenes: über das Schreiben von Roxxy Foxx

Sprich nie über deinen eigenen Texte!

Das ist eine goldene Regel. Und Regeln sind dafür da, gebrochen zu werden.

Die Idee ist ein gutes halbes Jahr alt. Ich stieß auf Youtube auf Walulis. Ich gestehe, dass ich zufällig auf ihn stieß, nie von ihm gehört hatte und zunächst mal nur eine grobe Vorstellung von diesem Format hatte. Ich sah ein paar Videos direkt hintereinander. Einerseits war er sehr amüsant, aber auch informativ und sein Ansatz gefiel mir. Dann stieß ich auch auf seine Analyse einer Youtuberin, die sofort die Inspirationsquelle für Roxxy Foxx liefern sollte. Genau wie Roxxy würde ich die präsentierte als eine moderne „Doc Bravo“ interpretieren. Mich faszinierten weniger ihre zur Schau gestellten Brüste oder die Inhalte ihres Formats als vielmehr das Gewiefte, wie sie die von Youtube doch eigentlich recht strengen Regeln so geschickt umgehen konnte. Walulis präsentierte diese „Regeldehnungen“ und Roxxy Foxx war geboren.

Die ersten Sätze waren schnell geschrieben, vor allem der frivole erste Satz.

(Man soll ja grundsätzlich immer nur anfangen zu schreiben, wenn man überhaupt erst Mal einen ersten Satz hat).

Aber dann geriet meine Geschichte schon recht früh ins Stocken, weshalb es über ein halbes Jahr dauerte, bis ich mich wieder an Roxxy heranwagte. Der Grund war recht einfach: mir war klar, dass mich das Publikum mehr interessierte als Roxxy selbst. Ich plante Roxxy von einem Verrückten entführen zu lassen, der das Roxxy-Spiel nicht durchschaute. Ich schrieb also grundsätzlich so etwas ähnliches wie Steven Kings Marnie. Ein verrückter, der einen Star entführte, und nicht zwischen Kunstfigur und echtem Menschen zu unterscheiden verstand, das war im Falle eines Softpornostars natürlich etwas anderes als im Falle eines Schriftstellers. Vor allem drohte die Geschichte sehr brutal und pornografisch zu werden. Ich freute mich darauf.

Aber dann kam der Augenblick, da Roxxy in ihr Auto stieg und es war zu deutlich, dass Roxxy und Marnie nicht als Parallele funktionierten. Denn Marnie ist eigentlich eine Allegorie für Alkoholsucht (dafür gibt es viele schlüssige Interpretationen, die man andernorts nachlesen kann). Aber ich kann über Alkohol keine Allegorie schreiben, eben weil es die schon gibt. Und Roxxy bot sich auch überhaupt nicht für so was an. Der Text blieb stecken und wartete geduldig auf der Festplatte, bis ich ihn vor einer Woche durch Zufall wieder entdeckte, weil eine andere Bloggerin (Haerzenswort) und ich wieder einen kleinen Schreibcoop starten wollen.

Es juckte mich in den Fingern, Roxxy endlich zu entführen. Aber ich hatte immer noch wenig Ahnung. Also schrieb ich einfach drauflos. Ich änderte die Entführumstände meines ursprünglichen Plans. Ich ließ Roxxy einfach die Umstände vergessen. Zack, so einfach. Kein Irrer, der sich vor sie stellte, sie mit gebleckten Zähnen angrinste und sie dazu zwang, etwas zu tun, was sie nicht wollte. Ich hielt mich an die alte Regel, dass das Unbekannte unheimlicher sein konnte, als das Bekannte. Der Irre verlor also sein Gesicht, seinen Körper. Ich stellte ihn nur mit seiner Macht dar. Er sollte das Studio reproduzieren und sie darin erwachen lassen. Und nun?

Es gibt derzeit tatsächlich neuen Trend, der überall im Gerede ist und der mich inzwischen auch schon mal reizen würde: Die Escape Rooms. Sofort dachte ich, dass wenn ich Roxxy in einen solchen setzen würde, es nichts anderes als Saw zu werden drohte. Aber ich während ich schrieb, begriff ich, was meine Allegorie zu werden schien. Etwas, das mich grundsätzlich am Internet, also an Roxxys Welt, faszinierte, war die Tatsache, dass man kaum noch zwischen Realität und Fiktion unterscheiden konnte. Die Narrative im Internet entstanden demokratisch und reziprok. Das heißt, die Narrative wurden geschaffen durch die fiktive Internetfigur aber gleichzeitig auch durch das Publikum. Als drittes Element gab es nun die Verknüpfung, viel mir auf. Ich erinnerte mich an die Coop-Projekte mit anderen Bloggern, recherchierte: Ich fand zum Beispiel in der Podcast-Szene und in der Comicszene viele Kooperationen, die streng genommen nur dazu dienten, dass das Netzwerk komplexer wurde und sich vergrößerte, dass man Publikum von anderen abgreifen konnte. Im Internet galt: Je größer die Vernetzung, je komplexer das Narrativ, umso erfolgreicher schien man zu werden.

Roxxy Foxx war also nicht einfach nur in einem Fake-Studio gefangen. Sie war im System des Internets gefangen. (Und ich muss gestehen, dass ich darüber nachdenke, die Komplexität durch einen Folgetext noch weiter herauszukitzeln.)

Ich wusste am Ende selbst nicht einmal, ob Roxxy wirkliche, echte Angst verspürte, ob Ted wirklich ihr Freund war, ob sie von Ted entführt worden war oder ob überhaupt eine vorlag. Ich wusste es als Autor genauso wenig wie die Youtube-Konsumenten im Text, die am Ende rätselten, was Schein war und was Sein. Genau dieses Rätseln war aber die wahre Katastrophe, denn sie wurde genossen, sie war das Schmieröl des aktuellen Internetzeitalters.

Das Internet erfüllt derzeit alle Voraussetzungen des modernen Horrors: Das Unbekannte, das Überdimensionale, das dem Menschen gewonnene Machtgefühl, das Schicksalhafte und das für das Individuum Einflussreiche.

Roxxy Foxx mag mir an vielen Stellen nicht gelungen sein, weil ich nicht wusste, wo sie mich hinführen würde. Aber sie sollte ein erster Vorstoß sein ins dunkle Herz dieses aktuellen Internets.

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