Marie Mallarmé – Kapitel 4 (2)

Dr. Zeller wurde durch das Heulen des Sturms geweckt. Sein erster Gedanke war ein missmutiger Fluch. Er raffte sich auf, trottete zum Fenster und blickte hinaus. Der Wind peitschte die Bäume am Waldrand. Der Regen sah aus wie ein bleierner Vorhang. Obwohl es schon nach Sonnenaufgang sein musste, war alles schwerfällig in dunkle Grautöne getaucht.

Dr. Zeller schüttelte sich, weil er sich einbildete, die Kälte, die draußen herrschte, auch auf dieser Seite des Fensters zu spüren.

Ein vom Donner getriebenes Rumpeln bauschte sich langsam auf und endete in einem ohrenbetäubenden Knall.

Moineau Colombe erwachte davon wenige Zimmer von Dr. Zeller entfernt. Sie saß sofort richtauf im Bett. Ihr Herz raste und zunächst konnte sie nicht zwischen Wachsein und Schlaf unterscheiden. Dann sprang sie aus dem Bett und tapste mit blanken Füßen zu ihrem französischen Balkonfenster. Hier war der Boden deutlich kälter als in der Mitte des Zimmers. Colombe stellte sich oft vor, wie das Wetter dort draußen sich wie eine unsichtbare Wolke durch die kleinsten Ritzen der Fassade hindurchzwängte und sich unter Aufbringung höchster Kraft wenige Schritt weit in das Haus hinein schaffte.

Zitternd angelte sie sich ihren Schlafmantel von dem hochlehnigen Stuhl zu ihrer Seite und wickelte sich in ihn hinein.

Was sie dort draußen sah, erinnerte sie an das Wort, das sie im Radio in den letzten Tagen oft gehört hatte: Jahrhundertsturm. Dieses Wort erschien ihr jetzt doch sehr passend, auch wenn sie in den letzten Tagen oft zur Köchin gesagt hatte, dass sie nicht glaube, dass das Wetter schlimmer werden könnte als damals, als es einen Teil des Daches abgedeckt hatte.

Erinnern sie sich? Damals hatten wir noch den alten Hausmeister, der so aussah wie ein Maulwurf. Der hat sich geweigert, sich selbst um das Dach zu kümmern. Hat gemeint, er sei Hausmeister und nicht Dachmeister.

Die Köchin, ihr Name war übrigens Sahra, war im Nebenzimmer von Colombe. Sie war genauso wie Colombe von dem Donner geweckt worden. Aber sie war nicht zum Fenster geschlurft, hatte nicht die Läden geöffnet und sich den Sturm angeschaut. Sie stand im Badezimmer und begutachtete ihr schwerfälliges Gesicht mit den Sommersprossen und den Fettlappen, die links und rechts von den Augen nach unten hingen.

Sie begann die Waschung. Dabei ging sie sehr sorgfältig vor.

Ein gelber Waschlappen rutschte sehr zärtlich über ihre Wangen und ihre Stirn. Sie rieb sich den Schweiß, der sich über Nacht immer in ihrem Hals bildete, sorgsam fort und spülte den unsichtbaren Schmutz mit eiskaltem Wasser fort. Sie rieb mit dem gelben frottierten Lappen über eine gelblich milchige Seife, die nach nichts roch. Und rieb so lange über ihr Gesicht, bis der Stoff sich trocken anfühlte. Dann spülte sie den Lappen noch einmal aus und wusch die leicht schäumende Seife fort.

Dann erloschen im ganzen Haus die Lichter und die Sarah stand im Dunklen vor ihrem verschwundenen Spiegelbild.

Der Strom war im ganzen Haus mit einem Schlag erloschen.

Charlesdos schloss gerade das Haupteingangsportal zu und ärgerte sich über den Regen, der ihn bis auf die Knochen durchdrungen hatte. Als das Licht ausging, konnte er nicht anders. Er stieß einen sehr unschönen Fluch aus, der ihm in diesem Haus verboten war, weil die Kinder solche Ausdrücke nicht auffangen durften.

„Ich hasse die Dunkelheit.“, knurrte er. Natürlich wusste er, dass es keinen Grund gab, die Dunkelheit zu fürchten. Aber er tat es trotzdem. Dr. Zeller hätte das bestimmt eine Ur-Angst genannt. Für Charlesdos war es aber klar, dass es eben genau das nicht war. Hätte er dann nicht grundsätzlich die Dunkelheit fürchten müssen? Aber genau das tat er nicht. Er fürchtete sie nur hier.

Es ist kein schöner Ort, dieses Gebäude hier. Es ist, als wäre man nicht an einem sicheren Ort. Als ob jeder Schritt, vor allem, wenn er in der Dunkelheit gesetzt wird, einen ganz dicht an einer Gefahr vorbeiführt. So als spüre man direkt an seiner Seite eine bodenlose Schlucht sich auftun.

„Unsinn!“, murmelte er.

Und während er über die breite Treppe nach oben ging, genauer gesagt: während er in Richtung Mensa ging, sang er einen Kinderreim:

Ninne ninne sause,
der Tod steckt hinterm Hause.
Er hat ein kleines Körbelein
Da steckt er böse Kinder nein.
Die guten lässt er sitzen
Und kauft ihn rote Mützen
Ninne ninne sause
Der Tod steckt hinterm Hause.

 Tu die Äuglein zu, mein Kind,
denn draußen weht ein arger Wind.
Will das Kind nicht schlafen ein,
bläst er in das Bett hinein,
bläst uns alle Federn raus
bläst endlich noch die Augen naus!

 Im Krankenflügel flatterten die Fensterläden und schlugen hämmernd in unruhigem Takt gegen die Wände. Schwester Loth war bereits seit Stunden auf den Beinen. Sie eilte von Zimmer zu Zimmer, um alles in einen tadellosen, sturmsicheren Zustand zu versetzen. Als sie die Klappläden gegen die Fassade schlagen hörte, beeilte sie sich, einen grauen Mantel überzuwerfen und durch einen Seitenausgang nach draußen zu gelangen. Im strömenden Regen sicherte sie die Läden. Binnen von Sekunden erging es ihr wie Charlesdos und die Kälte drang gemeinsam mit der Nässe bis tief in die Knochen. Der Mantel wurde ihr beim Arbeiten aufgeweht. Er plusterte sich auf und der Sturm zerrte an ihr.

Seufzend sah sie nach getaner Arbeit über das Grundstück.

Der Regen war ein dichter Schleier geworden, der unbarmherzig, mit aller Kraft nach unten hieb wie eine immerzu fallende Beilschneide. Der Anblick drückte Loth mit dem Rücken gegen die Hauswand. Sie hielt sich die Hand zum Schutz über die Augen und musste doch die kleinen Augen zusammendrücken.

Der graue Anblick von dem sich tief neigenden Geäst der vielen Bäume erinnerte sie an ein Gedicht von Storm aus ihrer Kindheit.

Was nun von Halm zu Halme wandelt
Was nach den letzten Blumen greift,
Hat heimlich im Vorübergehen
Auch dein geliebtes Haupt gestreift.

Sie hörte es in ihrem Kopf von einer warmen Stimme aufgesagt. Und jetzt mischten sich wohlige und düstere Schauer einander ab, vom Genick über ihren Rücken zu rauschen.

Ein finsteres Grollen setzte an und zwei gellendweiße Blitze zeichneten sich geradezu langsam in den nachtgleichen Morgenhimmel.

Die Jungs, die in der Mensa alle in einer Reihe an der großen Panoramafenstern standen, erschraken von diesem aufblitzenden Lichtstreifen. Aber gleich darauf tönte es „ohh“ und „woah“ durch den Raum. Als vor ihren Augen ein blau-weißer Sonnenschirm, halb zerissen, über den Platz geweht wurde, brachen sie in Lachen aus.

Claudine und Marie Mallarmé hatten sich bereits zurück an den Tisch gesetzt und zu essen begonnen. Im Unterschied zu Bernard und den anderen Kindern hatten sie wenig Interesse an dem Anblick.

„Nur ein Sturm.“, hatte Claudine gesagt und Bernard hatte geantwortet: „Jahrhundertsturm.“

„Unwetter.“, hatte ein anderer gesagt.

„Weltuntergangwetter.“

„Sintflut.“

„Du meinst, die Welt geht unter?“

Und dann kam das Donnertoben und alle Geräusche verschmolzen wieder zu einem beeindruckten „Ahhhhh“.

„Du brauchst nicht zusammenzuzucken.“, sagte eine leise Stimme.

Marie Mallarmé drehte überrascht den Kopf zurück und sah, wie Thomeo sich ihnen mit einem reich gefüllten Tablett näherte und sich zu ihnen setzte.

„Es ist … ich bin erschrocken.“

„Sag ich doch.“, meinte Thomeo. „Brauchst du aber nicht.“

„Wissen wir.“, sagte Claudine etwas unwirsch. Sie musterte Thomeo, weil sie noch nicht recht wusste, was sie von ihm und seiner Annäherung zu halten hatte.

„Es ist kein gewöhnlicher Sturm.“, sagte Marie Mallarmé.

Thomeo grinste so breit, dass man Angst haben durfte, der Kopf würde sich der Länge nach zweiteilen. „Weil es ein Jahrhundertsturm ist?“

Marie Mallarmé schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder auf ihr Frühstück.

Als wenig später sich Bernard zu ihnen setzte, musterte auch der den Neuankömmling.

„Was will der denn hier?“, fragte er unmittelbar.

„Er will uns vor dem Sturm beschützen.“, sagte Claudine mit dem Unterton eines kleinen Vorwurfs. „Weil es ja sonst keiner macht.“

Bernard ließ die Spitze an sich abperlen.

(…)

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