Bandprobe – (The Road is Mercy)

Wenn man mich ärgern wollte, musste man nur Tom erwähnen.

Ich mochte den Kerl eigentlich. Aber er ging mir in letzter Zeit gegen den Strich. So, als ob er einen anderen Takt spielen würde, wie ich. Schwer zu beschreiben. Schwerer zu verstehen.

Ich war jedenfalls nicht froh darüber, dass Lew und Liza abgesagt hatten. Aber ich hatte den verdammten Song geschrieben und jetzt wollte ich ihn wenigstens dingfest machen.

Das ist auch so eine Sache, die schwer zu beschreiben ist. Musik ist so ähnlich wie strahlen. Man liegt da, plötzlich trifft es einen und man hat diese Idee im Kopf, diesen Sound, diesen Drive. Es strahlt aus dir heraus, als wärst du die verdammte Sonne. Und dann wirft man sich über das Papier, schreibt den Liedtext raus, notiert ein paar Akkorde, ein paar Licks. Ich hatte die ganze Nacht über dem Song gebrütet. Und jetzt, wo er auf dem Papier war, war er noch nicht raus. Er musste gespielt werden, geschliffen, wie Tom gerne sagte.

Er saß an den Drums, als ich reinkam. Und er sah schrecklich aus. Kopfhörer übergezogen, die Augen schwarz umrandet mit Falten. Wenn Tom übermüdet war, wurde seine Hautfarbe gelb. Kein gesundes gelb jedenfalls. Liza hatte mal gesagt, dass er wie eine Zigarette aussieht, wenn er nicht geschlafen hat. Das ist verdammt nah dran. Er ist so dürr wie ein Fixer. Aber wir alle wissen, dass er diesen Scheiß nicht macht. Er zieht sich eigentlich nicht mal Bier rein. Für ein paar Jahre ist er Vegetarier geworden. Vielleicht ist er es immer noch. Wo er dann aber die Energie hernimmt, weiß nur der Teufel.

Er saß jedenfalls da und ließ die Sticks mit Wucht und wahnwitziger Geschwindigkeit über die Felle tanzen. Er hatte was auszupowern. Und er hörte nicht auf, als ich reinkam. Im Gegenteil. Seine Augen funkelten mich finster an. Ich baute auf und er gab der Base mehr Härte. Wenn er richtig in Fahrt geriet, wurden die HiHats dominanter. Er wollte, dass die Becken die Horizontlinie zum Oszillieren bringen. Verdammter Idiot.

Ich stöpselte ein und versuchte erst einmal irgendwie in seinen Beat reinzufinden. Ein paar leichte Sachen. Hauptsache Speed. Hauptsache aggressiv und biestisch. Zum ersten Mal grinste er breit, als ich genau den Klang getroffen hatte, der zu seiner Stimmung passte. Das war jedenfalls nichts, womit man Kinder zum Schlafen bringen konnte.

Nach einer halben Stunde hatte er endlich genug und er rauschte in ein zerbröckelndes Finale mit dumpfen Toms hinein.

„Hi.“, sagte er endlich.

„Hi.“, sagte ich.

„Hab deine Message gekriegt.“

„Cool. Willst du den Song mal sehen?“

„Zeig her.“, er reichte die Hand über die Snare vorbei und ich zog ihm das Papier aus der Jackentasche hinüber.

„Klingt gut“, es klang überrascht.

„Ist aber mal was langsames.“

„Du bist der Boss.“, diesmal klang es zynisch.

Ich versuchte mich an gestern Nacht zu erinnern und daran, wie es war, als mir die ersten Worte eingefallen waren. Absurderweise dachte ich nicht an den Text selbst, sondern an was ganz anderes: an die Beatles. An „As my guitar gently wheeps“. Ich mochte diese Textstelle, weil „wheeping“ genau der Sound war, der mir vorschwebte. Ein sanftes, ruhiges Jaulen, ein Wimmern, das so klang, als ob die Nacht Musik machen konnte. Wie würde es klingen, wenn der Mond Musik macht?

Ich spielte meinen Lick, nur eine Handvoll Töne. Und achtete darauf, jeden einzelnen sorgsam von den anderen zu trennen. Ich wollte nicht so klingen wie sonst. Ich wollte nicht, dass die Melodie zerrissen wurde, weil alles in einander floss. Manchmal gibt es Texte, die brauchen Geduld.

„Das ist eine Ballade.“, statt mit dem Schlagzeug war ihm das eingefallen. Also bitte. Aber ich wollte nicht darüber reden. Ich wollte singen. Und nahm mir den Platz vor dem Mikro und sang.

„Sicher dass du ein Schlagzeug brauchst, Dylan?“

Am liebsten hätte ich ihm das Schlagzeug um die Ohren geschlagen.

„Was ist dein Problem?“, blaffte ich ihn an. Zorn wird größer, wenn du deinen Satz in ein Mikro gibst statt in ein Gesicht.

„Alles gut. Ist halt nicht unser normales Ding.“

„Kannst du es nicht?“

„Ich kann alles.“, zum Beweis spielte er eine seichte Slow Rock Nummer.

„Das klingt zu sehr nach Carpenters.“, sagte ich.

„Noch langsamer?“, er verzog das Gesicht zu einem missfälligen Grinsen.

„Tom“, sagte ich. „Ganz ehrlich: heut hab ich keinen Bock auf Streit. Ich hab kaum gepennt. Du vielleicht auch nicht, aber ich hab nur Bock auf diese eine Nummer und mehr nicht.“

Er schnaubte und riss sich jetzt wirklich zusammen. Wir schafften es, den Zorn zu unterdrücken und als wir am Ende der ersten Strophe angekommen waren, an der Stelle, als ich sang „The Road is mercy!“, kam es mir vor, als ob sich was verändert hatte. Ich schielte unauffällig zu ihm rüber. Aber er hatte die Augen geschlossen. Und aus der Nummer war der unauffällige Blues geworden, den ich irgendwie gestern Nacht schon gespürt hatte. Es gelang uns das perfekte Timing beim Akkordsprung von „To us all“, so dass es fast wie ein unglaublich sanfter, fatalistischer Stakkato klang.

Blues ist Religion. Blues ist Glaube.

Das Zeug schwappte jedenfalls durch den Proberaum wie Magie. Tom spielte so weich und fast schon zärtlich, wie ich ihn noch nie gehört hatte. Ich säuselte: „You know there’s a devil, looking down from your shoulder“ und ich hörte durch das Drumspiel seinen Atem wie ein Zischen durch die Luft wallen. Ich sang, dass die Straße gottverdammtnochmal gnädig zu uns allen ist und wir spielten von der Vergebung, die immer nur irgendwo vor dir auf dich wartet aber nie dort ist, wo du gerade stehst.

Wir schafften es bis ins Solo und dann sah ich zu ihm rüber und unsere Blicke trafen sich. Ich wusste nicht, ob er es verstand, aber als ich die Hände von den Seiten nahm, griff er zu wie ein Verdurstender in der Wüste. Er griff in den Song hinein, setzte zwischen die Zeilen ein paar Beats, wir rückten im Blues enger zusammen.

Und als ich wieder einstieg, war es zum ersten Mal, als ob wir zwei die perfekte Band der Welt wären.

„Das war ok.“, sagte Tom am Ende. Er klang heiser.

„Ich mag den Song.“, das sind Sätze, die man nie sagt, wenn man selbst den Song geschrieben hat. Aber ich hatte das Bedürfnis dazu. Und ich hatte das Verlangen danach, dass er es auch sagte. Statt dessen sagte er:

„Ich bin wieder Single. Hätt es besser gefunden, wenn die Nummer etwas heftiger gewesen wäre.“

„Scheiße.“, sagte ich.

„Jetzt ist die Wut weg, weißt du. Normalerweise bin ich ein paar Tage stinksauer. So mit Fäuste durch die Wände schlagen.“

„Wie damals in Köln.“

Er lachte lautlos.

„Jetzt ist da keine Wut mehr. Jetzt ist da direkt Trauer. Dein Lied hat mir das echt versaut.“

„Ich weiß nicht.“, sagte ich. „Sicher, dass es die Nummer war? Du hast dich verdammt schnell, verdammt gut eingefunden.“

„Doch, ist die Nummer.“, sagte er. „Kann ja nicht sein, dass bei ihr meine Schmerzbewältigung anders läuft als bei andern. Oder?“

„Ne.“, sagte ich.

„So besonders war sie nicht.“

Wir schwiegen.

Dann sagte er: „Ich will’s noch mal spielen. Diesmal mit etwas mehr … etwas mehr Blues.“

„Noch mehr?“

„Hau raus.“, sagte er. „Alles, was du hast. Lass es so rauchig und bluesy sein, wie es nur geht.“

Ich kapselte ein anderes Effektgerät dazwischen. Dann klang meine Gitarre wie dichter, blauschwarzer Nebel, der aus den Gullideckeln hochwallt. Ich zählte „Drei – vier“ und dann war der Song raus.

Und Tom spielte mit feuchten Augen.

 

 

The road is mercy (blues in Em)

 

One man’s quest is another man’s trial

A pumping heart in your chest

Yet another one’s dying.

One man’s heaven is another ones fall

 

Oh the road is mercy, the road ist mercy

To us all.

 

You know there’s a devil, looking down from your shoulder

You’ll know he’s your guide,

when he’ll lead you to her.

When there’s a bed, there’s a sinner

 

Oh the road is mercy, the road is mercy

To us all.

 

Can you catch a lightning, you have to bear there’s a rain

Rain can wash your sins

But does it cleanse you from pain?

If one man’s guilty, the gallow will sing.

 

Oh the road is mercy, the road is mercy

To us all.

(the Road is mercy)

7 thoughts on “Bandprobe – (The Road is Mercy)

    • Wow danke! Der Text war ursprünglich als Reaktion auf die Probleme einer Autorenfreundin entstanden: „wie schreibt man einen musikalischen Konflikt zwischen zwei Musikern bei einer Bandprobe?“

      • Danke für die intetessante Hintergrundinfo. 🙂
        Das ist echt nicht einfach. Hast du, meiner Meinung nach, gut getroffen. Der Konflikt ist ja, wie in der Geschichte, meist nicht nur in der Musik.

        Bist du selbst in einer Band?

        • Ja, gelegentlich. Ist ne „Papiband“, wir treffen jns, wann immer es die Kids erlauben und jammen im Keller. Nix professionelles. Nur Spaß.

          • Na darum geht’s ja größtenteils, oder? 😉

            Ich war zu Schulzeiten mal in einer Musikschulband. Aber wir haben nur Cover gespielt und keine eignen Stücke geschrieben.
            Aber Spaß hat es definitv gemacht.

          • Ich liebe Musik! Und bau sie auch gern in Anspielungen in meine Texte ein.
            Nebenbei: als alter Germanist biete ich auf meine odeon facebookseite ab und an Schreibübungen an, sodass sich ein kleiner virtueller Lesekreis bildet, … falls du Lust hast: schau gern vorbei und mach mit

          • Ich finde es toll, wenn man unterschiedliche Leodenschaften miteinander verweben kann.
            🙂
            Danke für die Einladung.Das schau ich mir gerne mal an.
            🙂

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