Lebenslänglich (2/3)

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Steven wollte Münz auf dem Weg zur Mensa abholen und ihm von Dr. Lewens Auftritt erzählen, als er unterwegs auf Barek stieß, dessen dunkle Hautfarbe regelrecht blass geworden war.

„Was ist dir denn passiert?“

„Nicht mir.“, antwortete Barek leise. Er drückte Steven zur Seite, abseits von dem Häftlingsstrom, der Richtung Mensa trieb.

„Es hat heute Nacht einen Toten gegeben.“, sagte Barek düster. „Drüben in A.“

A, damit war wohl der Zellenblock A gemeint. Münz’ Zellenblock.

„Was ist passiert? Ist einer durchgedreht?“

„Kann man wohl sagen.“, es war eine merkwürdige Art, wie Barek das sagte. Fast, als meine er es ironisch.

„Ok? Jetzt schieß los.“

„Man hat den Typen gefunden. Tod in seiner eigenen Zelle. Aber furchtbar gemetzelt.“

„Wen? Kennst du einen Namen?“

„Muss sich mit den Falschen angelegt haben. Man flüstert aber, dass niemand damit prahlt. Normalerweise müsste doch einer aufstehen und sagen, dass er es war, oder?“

„Name!“, knurrte Steven.

„Münz.“, sagte Barek jetzt endlich.

Steven hatte unbewusst Barek auf der einen Seite an der Schulter und auf der anderen am Genick gepackt gehabt. Jetzt ließ er ihn los und stolperte sichtlich schockiert einen Schritt zurück.

Steinrauch entspannte sich wieder. Sie hatte die Szene von einer etwas höheren Stelle aus beobachtet und das Walkie-Talkie schon an den Mund gelegt.

Als der Abstand zwischen den beiden Häftlingen wieder größer wurde, rief sie Johnson zu sich. Der schlaksige Kerl war nicht unbedingt der Hellste unter der Sonne, aber immerhin war er treu.

„Gibt es was Neues?“, fragte sie ihn. Er rieb sich besorgt mit den Fingern immer wieder über die Mundwinkel und ließ seinen Dreitagebart dabei mit den anderen Fingern knisternde Geräusche machen.

„Bis jetzt nichts Neues.“, sagte er müde. „Hab die Nachtschicht gehabt und jetzt noch die Verlängerung? Mann, ich muss ins Bett.“

„Beruhig dich. Wir werden gehen, wenn es uns erlaubt wird.“

Die Polizei war im Haus und die Staatsanwaltschaft. Die Geschichte mit Münz war ein kleines Politikum. Nicht etwa, weil Münz so ein verdammt großes Tier gewesen wäre oder die Presse ein reges Interesse an ihm gehabt hätte. Nein. Münz war nur ein kleines Sandkorn im Getriebe der Gesellschaft gewesen. Nervig und störend vielleicht, aber mehr nicht. Das Problem waren Geiger, Borisow und dieser stotternde Typ mit der Nickelbrille: Lennart Schneider. Überhaupt: Mit dem hatte es angefangen. Vor drei Wochen. Ein harmlose kleine Küchenschabe, mehr war Lennart Schneider nicht gewesen. Er hatte seinen Dienst immer brav verrichtet, war immer tief unterm Radar geflogen, hatte gelächelt, gegrüßt, sein Essen gegessen, ohne zu Murren war er aufgestanden, schlafen gegangen, keine Ansprüche, keine Sperenzien. Bis zu dem Abend, an dem er nicht hatte schlafen können. Gebrüllt wie am Spieß hatte er. Steinrauch hatte Dienst gehabt und sie war zu seiner Zelle gekommen, um nach dem Rechten zu sehen.

Der Typ in der Zelle nebendran sollte gefälligst die Klappe halten, hatte Schneider gebrüllt.

„Der Typ nebendran?“, hatte sie geantwortet. Und als sie zur Nachbarszelle ging, um hineinzusehen, lag dort nur ein friedlich schlafender Anführer einer gewalttätigen Motorradgang und schnarchte noch nicht einmal.

„Alles friedlich nebendran.“, hatte Sie Schneider gesagt. Aber der hatte mit weit aufgerissenen Augen darauf bestanden, dass eben erst alles in Ordnung sei, wenn alles in Ordnung sei. Was auch immer das heißen sollte.

„Ok, hör zu, Schneider. Ich hab geschaut, es ist alles ruhig neben dir. Du hast schlecht geträumt oder spürst ein wenig die Zellenwände, wer weiß …“

„So ein Schw- Schwa- Schw – Schw -“

„Schwachsinn.“, half sie ihm.

Er nickte eifrig.

„Was hörst du denn?“, hatte sie ihn gefragt.

„Er si- si- si- singt! Wie ein Irr- Irr- Irrer.“

„Ok. Was singt er denn?“

Schneider wich vor ihr zurück. Er schien zu begreifen, dass sie nicht hören konnte, was er hörte. Verwirrt rieb er sich die Hände an den Schläfen, dann drückte er sich die Handflächen auf die Ohren und dieser hilflose Ausdruck auf seinem Gesicht war das letzte, was Steinrauch von ihm sah. Dieser Typ war schneller gestorben als man blinzeln konnte, dachte sie.

Die Geschichte war wirklich verrückt. Um die Uhrzeit sollte sie normalerweise in ihrem Wachzimmer sitzen, aber die Schicht war durch einen dämlichen Buchungsfehler verdoppelt. Statt einem hatten zwei an diesem Abend die Kammer gedrückt. Also hatte sie beschlossen gehabt, eine Runde zu drehen. Und die war jetzt bei Schneider kurz vorm Ende. Sie musste nur bis zum Ende des Flurs gehen und dann wieder zurück. Es war eine Strecke von vier Zellentüren. Keine Ewigkeit.

Tausendmal hatte Lewen sie gefragt, was sie schätzen würde und damals hatte sie auf höchstens sieben Minuten geschätzt. Natürlich war sie die Strecke später wieder abgegangen und es waren kaum fünf Minuten, die sie brauchte, um von Schneiders Zelle bis zum Ende des Flurs zu gehen, sich umzudrehen und wieder zurück zu kommen. Keine fünf Minuten.

Und es war so verdammt still in Schneiders Zelle gewesen, dass sie das Gitter aufgezogen hatte, um einen zweiten Blick hinein zu werfen.

Sie hatte erwartet, dass Schneider wieder im Bett liegen würde, oder dass er immer noch in der Mitte des Zimmers stand und sich den Schädel rieb. Sie an seiner Stelle hätte sich vielleicht zum Waschbecken begeben und sich kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt. Aber nichts von all dem. Schneider hing in der Mitte der Zelle an einem sauber zurecht geknoteten Hanfseil und war tot. Ja, seine Füße zappelten noch wie wild. Aber er war schon so tot wie man nur sein konnte. Die Zunge hing ihm angeschwollen aus dem Mund und der Kopf hing unnatürlich verzerrt.

Man würde ihr später bestätigen, dass sein Genick gebrochen war. Auch, dass es keinen Stuhl oder Hocker in der Nähe gab, den er hätte unter sich wegstoßen können.

Sie riss sich die Schlüssel vom Gürtel und drückte gleichzeitig den Alarmknopf neben der Zellentür – das, würde Dr. Lewen später sagen, sollte ab sofort unterlassen werden. Sie stürzte zu Schneider herein und packte ihn an den Beinen, um ihn nach oben zu drücken. Irgendwie hatte sie das Gefühl, ihm damit noch am meisten helfen zu können. Aber sie rutschte an seinen Beinen ab, schmierte nach unten und klatschte der Länge nach auf den nassen Boden.

Eiswürfel, dachte sie sofort, weil ihr dieses dämliche Detektivrätsel für Anfänger einfiel. Leute, die sich erhängen, ohne dass es einen Stuhl in der Nähe gab, hatten immer auf riesengroßen, vollkommen unrealistischen Eiswürfel gestanden und waren langsam in den Tod geschmolzen!

Als sie aufstand wurde nach Protokoll das zentrale Licht wieder eingeschaltet und jetzt sah sie erst das Blut. Der Boden kam ihr wie eine einzige Blutlache vor. Und dieser eine Augenblick war es wohl, in der es in ihrem Gehirn Klick machte und alles durcheinander wirbelte.

Noch während sie sich aufrichtete, sah sie das Blut unterm Bett bis zur Wand rinnen und sie sah mehr. Sie sah, wie das Blut nicht innehielt sondern weiter rann. Die Wand hoch. Nach oben. Streifen zog. Schlieren. Wie es immer mehr wurde und mehr.

Sie stolperte zurück auf die Beine und prallte mit dem Rücken gegen Johnson, der mit seinem Mund dicht an ihrem linken Ohr nach Luft schnappte und dann zu fluchen begann.

Sie konnte aber ihre Augen nicht von den Wänden lassen, an denen das Blut nach oben floss.

„Trauma.“, so würde es Direktor Dr. Lewen später nennen. „Ein handfestes Trauma, das wir für uns behalten, nicht wahr?“

Steinrauch hatte genickt und kein Wort mehr darüber verloren.

Auch nicht, als Geiger tot aufgefunden wurde, aufgeschlitzt in seinem eigenen Bett. Oder Borisow, erstickt an einem großen, wahrscheinlich glatten Gegenstand, der nirgendwo aufgefunden werden konnte.

„Wie ist Münz gestorben, Johnson?“, fragte sie ihn.

Was sie eigentlich wissen wollte – und sie wusste, dass er diesen Teil der Frage verstand: Gab es wieder etwas Außergewöhnliches.

„Nichts.“, sagte er. „Kampfspuren am ganzen Körper. Kratzspuren. Ertrunken ist er.“

„Ertrunken?“

„Mit dem Kopf in der Toilettenschüssel.“

Sie verzog das Gesicht.

„Kein Wasser drin, sondern -.“

„Schon ok.“, sie winkte ab, weil sie spürte, dass sie es besser nicht hören wollte.

„Wegbrecht hatte Dienst. War grad auf der Wanderung. An Münz’ Zelle eigentlich schon vorbei.“

„Kommt mir ja bekannt vor.“, sagte sie. „Lass mich raten: Ärger aus der Nachbarzelle.“

Johnson nickte. „Wie bei den anderen vorher auch. … Wie bei dir auch.“

„Du.“, machte Johnson und seine Stimme klang jetzt mehr als nur müde. „Fühlt sich echt an, wie aus so einem Horrorfilm, oder?“

Sie hatte das Bedürfnis zu widersprechen, aber sie sagte: „Fühlt sich mies an. Vor allem die Nachtschicht.“

Sie gingen weiter, folgten den letzten Insassen in die Mensa, wo es nach warmem Brot roch und man sofort Hunger bekam.

Der andere Vorteil von den vielen guten Gerüchen: es lenkte die Gedanken ab. Und es vertrieb die Bilder von Lennart Schneiders Blut, das die Wände hoch rann.

An ihrer Seite löste sich eine dunkle Gestalt, die sich die ganze Zeit dort herumgedrückt hatte. Sie trug einen schwarzen Pullover mit viel zu langen Ärmeln. Die Arme hatte sie vor der Brust überkreuzt und das bleiche, grinsende Gesicht lag unter einer viel zu großen Schiebermütze versteckt. Die Gestalt war auch ein Sträfling. Er schlurfte einmal quer durch den Raum, ignorierte die vielen Sprüche, die ihm hinterher gerufen wurden. Und er setzte sich zu Barek und Steven an den Tisch.

„Schon komisch, was hier Nachts los ist, was?“, raunte er. Dann setzte er seine Mütze ab und zum Vorschein kam ein kahlköpfiges Gesicht mit spitzer Nase und fast schon weiblich vollen Lippen.

„Barek“, sagte Steven. „Kennst du schon Ben Stern?“

Barek streckte ihm zur Begrüßung die Hand entgegen, als Steven hinzufügte: „Ein schleimiger Bruder hier. Man sollte aufpassen, ob man ihn zum Freund haben möchte. Zum Feind eignet er sich nicht, aber zum Ignorieren ist er am besten geeignet.“

Stern grinste jetzt so breit, dass es anzüglich wirkte. Mit honigweicher Stimme säuselte Stern: „Ein Königreich würd ich geben für nur ein einziges liebes Wort von dir.“

„Dein Königreich ist zehn Quadratmeter groß.“

„Ich hab aber Ostseite“, säuselte er weiter. „Vom Osten kommt immer der bessere Wind.“

„Sag, was du von uns willst und dann zisch ab.“, forderte Steven und sah beruhigt, dass Barek seine Hand wieder zurück an sein Frühstücksbesteck legte.

„Wenn man immer und von allen ignoriert wird, kann das Vorteile haben, mein Freund. Man kann Dinge hören und sehen, die andere nicht hören und sehen können. Man kann zum Beispiel einen Blick in die Zelle werfen, wo sich gerade einer verabschiedet hat. Oder man kann zuhören, wie über die merkwürdigen Vorfälle geredet wird, die hier Nachts so ablaufen.“

„Du weißt was über Münz Tod?“, fragte Steven. Er hoffte, gut genug sein Interesse unterdrückt zu haben. Aber Stern lehnte sich nun genusssüchtig zurück und leckte sich übertrieben mit der abstoßenden rosa Zungenspitze über die femininen Lippen.

„Ich kann viel wissen, ich kann aber auch viel reden. Aber jedes Wort hat seinen Preis.“

„Was willst du?“, knurrte Steven. Aber auf einmal verzog sich Sterns Gesicht zu einer entsetzten, schmerzverzerrten Fratze.

„Er will reden, nicht wahr?“

„Bastard!“, zischte Stern. Er krümmte sich vor und sank geradezu mit dem Kopf auf die Tischplatte.

„Bleib oben!“, befahl Barek. Jetzt erst sah Steven, dass Barek ohne mit der Wimper zu zucken unterm Tisch zwischen Sterns Beine gegriffen hatte. Mit harten Griff hielt Barek das Elend fest, das sich dort befand und er drückte unbarmherzig zu, sobald Stern sich falsch verhielt.

„Nur ein falscher Mucks und ich reiß dir die Eier ab.“, sagte Barek so ruhig, als ob er einfach nur „Reich mir mal bitte die Butter“ gesagt hätte.

Stern war kreidebleich. Seine Unterlippe zitterte. Seine Schmerzgrenze war nicht sehr hoch gesteckt. Wahrscheinlich hätte deutlich weniger genügt, um den selben Effekt hervorzubringen, dachte Steven.

Und dann sprudelte alles aus Stern heraus, was er über die nächtlichen Vorfälle im Katzwinkel wusste.

 

*

 

„Stell ein Glas Wasser neben dich ans Bett.“, sagte Barek.

„Warum? Denkst du der Mörder ist wasserscheu?“

„Das ist kein gewöhnlicher Mörder.“, widersprach Barek. „Hast du nicht zugehört. Das ist ein Dämon.“

Steven war nicht abergläubig. Er glaubte nicht an Dämonen oder Monster. Er glaubte an Messer, an Pistolen oder Schlagstöcke.

Und er glaubte ans Leben und an den Tod, der, wenn er einmal kam, für immer blieb.

„Wasser ist heilig. Dämonen gehen nicht am Wasser vorbei. Nachts sind sie am stärksten. Lass dein Licht an und stell Glas Wasser neben dich ans Bett.“

„Ich glaub nicht an Dämonen, Barek. Ich glaub nicht an so einen Scheiß.“

Er zuckte die Achseln, so als wäre es ihm eigentlich egal. Aber seine milchigen Augen blitzten vielsagend in Sterns Richtung.

„Er hat gesagt, dass er in die Zelle von einem hat reinschauen können.“

„Borisow.“, bestätigte Steven. „Einer, der so gebaut war wie du. Immer schwarz angezogen. Der ganze Rücken tätowiert. War nicht sein erster Aufenthalt in einem Hotel wie dem hier.“

„Warum war er hier?“

„Keine Ahnung.“, sagte Steven. „Münz hat mir mal beigebracht, dass man das besser nicht fragt oder weiß. Hier drinnen sind wir alle gleich. Wir sind alle irgendwo Drecksäcke gewesen. Jeder von uns hat seinen Kampf mit dem Leben da draußen gehabt. Es ist wirklich egal, warum wir hier sind.“

Barek schüttelte den Kopf. „Ist es nicht. Glaub mir.“

„Warum bist du hier?“, fragte Steven jetzt. „Weil du Mist gebaut hast, oder? Mehr gibt’s da nicht zu wissen.“

„Ich wollte nicht abgeschoben werden.“, sagte Barek. „Ich sollte zurück nach Tunis. Also hab ich was gemacht, dass sie mich erstmal hier festhalten müssen.“

Steven grinste. „Scheiße, da draußen hättest du ein fabelhaftes Klischee abgegeben. Gut, dass wir uns nicht draußen kennengelernt haben.“

Bareks Gesicht verriet keine Gefühle. Er starrte nur zu Stern hinüber.

„Glaubst du seinen Worten?“

Eine merkwürdige Frage. Steven war einen Augenblick damit überfordert. Barek hatte gefragt, ob er Sterns Worten glauben würde. Nicht etwa Stern. Irgendwie kam ihm dieser Unterschied wichtig vor und je länger er darüber nachdachte, desto verschwommener wurde ihm die Sache.

Schließlich sagte er aber: „Ja. Ich glaube, er war wirklich in Borisows Zelle.“

„Und die Sache mit dem Ersticken?“

„Wenn du mich vor ein paar Wochen gefragt hättest, was ich glaube, wie Borisow einmal stirbt, dann hätte ich dir gesagt, der wird sich entweder tot saufen oder er bekommt den Schädel eingeschlagen. Ersticken passt wirklich nicht zu ihm. Aber was weiß ich, mit wem er sich da angelegt hat. Stern zum Beispiel ist so ein Typ, dem ich zutrauen würde, dass er dich aus plötzlich überrumpelt und dich hinterhältig um die Ecke bringt auf eine Art, von der du nicht mal geahnt hättest, dass man so sterben könnte.“

Jetzt grinste Barek. „Der sieht aus wie ein Kinderschänder. Keiner, der einem Mann etwas antun kann. Ein Schwächling, der sich an Schwächeren auslässt.“

„Kann sein.“, meinte Steven.

„Die Sache mit der Haut?“, fragte Barek und kehrte damit zurück zum eigentlichen Thema.

Die Sache mit der Haut.

Stern sagte, Steinrauch habe dem Direktor erzählt, sie habe Blut die Wände hoch fließen gesehen. Keine Ahnung, wo er diese Information hätte herhaben sollen. Wahrscheinlich war sie erfunden, weil er sich wichtig machen wollte. Aber wenn er sich wirklich in Borisows Zelle geschlichen hatte, dann war ‚die Sache mit der Haut’ zumindest von daher plausibler. Aber was sollte daran schon plausibel sein?

„Dem geht die Fantasie durch.“, urteilte Steven.

Barek beugte sich vor, ließ den Kopf zwischen den hochgezogenen Schultern baumeln und murmelte ein paar arabische Sätze. Dann richtete er sich wieder auf und sagte:

„Die Haut am Rücken aufgeschnitten und wie zwei Lappen links und rechts vom Bett runterhängend. Sowas macht kein Mensch.“

Steven widersprach: „Sadisten schon. Es gibt nicht nur Drecksäcke hier drin. Es gibt auch noch Psychos.“

Barek schüttelte den Kopf: „Wo so viele Drecksäcke zusammenkommen. Glaubst du nicht, dass da auch …“

„Sag jetzt nicht noch mal Dämonen.“

„… der Teufel gern mal zu Besuch kommt. Es gibt da eine Legende, wo ich herkomme. Da besucht Shaitan eine Familie, in der alle sieben Söhne Mörder sind. Er fragt, ob er ein Zimmer haben kann und er bekommt das achte Zimmer. Dort legt er sich schlafen. In der ersten Nacht kommt in jeder Stunde einer der Söhne herein und bringt den Shaitan um. Der erste rammt ihm ein Messer in die Brust. Der zweite, der nicht weiß, dass der Shaitan schon tot sein müsste, erstickt ihn mit einem Kissen. Der dritte, der auch nichts weiß, legt ihm eine Giftschlange unter die Decke. Und so fort.

Am nächsten Tag ist der Shaitan aber noch am Leben.

Er setzt sich zu den sieben Brüdern und isst mit ihnen, als sei nichts gewesen. Dann verlässt er das Haus. Aber in den kommenden Nächten ist es, als habe er etwas zurück gelassen. Der erste Bruder stirbt in der ersten Nacht. Erstochen, ohne ein Messer. In der zweiten Nacht stirbt der zweite Bruder, erstickt, ohne ein Kissen …“

„Ich sehe, wo das ganze hinausläuft.“, meinte Steven.

„Der siebte Bruder glaubt, dass er klüger ist. Er legt sich nicht schlafen. Er bleibt die siebte Nacht ganz allein im Haus unten am Esstisch sitzen. Keiner kommt zu ihm rein ins Haus. Kein Mörder. Kein Shaitan.

Aber das Böse.

Er kann es überall spüren. Es lebt in den Wänden. Im Fußboden. Es ist in der Luft, die er atmet. Das Böse ist da, weil er und seine Brüder es in die Welt gesetzt haben.“

„Kann er sich am Ende retten?“

Barek schüttelt den Kopf.

„Er ist am Ende auch tot. Man findet ihn am Esstisch sitzen. Überall im Raum stehen Wassergläser. Aber alle sind verschüttet. Der ganze Boden ist voller Wasser.“

Steven hatte das Bedürfnis zu sagen: Siehst du, Wasser hilft auch nichts. Aber er schwieg. Barek fuhr fort: „Der siebte Bruder hatte damals, als er den Shaitan zu Gast hatte, gehäutet. Als die Polizei in das Mörderhaus kommt, findet sie den Bruder am Esstisch sitzen. Und auf dem Stuhl gegenüber sitzt seine Haut. Makellos. Nicht ein Schnitt.“

„Nette Gutenachtgeschichte.“

„Der Shaitan kann viel.“, sagte Barek.

„Wir müssen aufpassen, mein Freund. Wenn er uns besucht, müssen wir bereit sein.“

 

*

 

Es gab Tage, da hasste Steinrauch die Schichten. In letzter Zeit war alles angespannt. Lewen hatte ein paar Schichten verdoppelt. Vor allem die Nachtschichten natürlich. Es durfte nicht wieder etwas passieren.

Inzwischen waren Neue im Haus. Polizei und Staatsanwaltschaft. Sie sollten die Wärter unterstützen. Aber ganz ehrlich: so wie sie sich benahmen, sah es eher so aus, als ob sie die Wärter observierten.

Johnson hatte es schon richtig vermutet: Sie halten einen von uns für den Mörder. Klar. Wer sonst sollte mitten in der Nacht in eine abgeschlossene Zelle hinein und einen Sträfling bestialisch töten.

Lewen hatte zu Steinrauch gesagt, sie sei sein bester Mann. Und dann hatte er darüber gelacht, wie über einen absichtlich erzählten, schlechten Witz. Sie hatte nur gegrinst. Denn „bester Mann“ bedeutete, dass sie jetzt ein wesentlicher Teil der Extraschichten zu sein hatte.

An ihrer Seite ging ein unfassbar hässlicher Typ in Uniform. Er hatte Neurodermithis oder so was im Gesicht. Ständig kratzte er sich unter der Mütze oder auf dem Rücken. Und gesprächig war er auch nicht. Sein Vorsatz schien zu sein: Wer beobachtet, der darf nicht reden. Er nahm weder den angebotenen Kaffee an, noch lehnte er ihn dankend ab. Er starrte einfach nur wie ein hässlicher Gnom in ihre Richtung und bewegte sich nur, wenn sie sich bewegte. So wie jetzt.

„Auf geht’s zur Runde.“, sagte sie. „Gehen wir?“, keine Antwort. Er stand auf und hielt ihr die Tür auf. Das war aber auch schon alles. Sonst hielt er sich mächtig zurück.

Und dann geschah wieder etwas.

Diesmal war es Stern, der nicht schlafen konnte, weil er Dinge hörte, die sonst niemand hörte.

Stern brüllte: „Das ist dieser Schwarze! Das ist dieser Barek! Dieser Tunesier. Sagt ihm, er soll aufhören.“

Steinrauch spürte, wie sie bleich wurde. Sie sah zu hilfesuchend zu dem hässlichen Polizisten rüber, der vollkommen ausdruckslos blieb.

Da wurde ihr klar, dass sie die Sache vollkommen anders interpretierte als er. Für sie war klar, dass Stern gleich sterben würde. Für ihn nicht. Mit zitternden Händen sperrte sie seine Tür auf. Endlich regte der stumme Begleiter sich: „Was tun sie da?“, fragte er.

„Ich versuche sein Leben zu retten.“

Der Schlüssel fiel ihr zu Boden. Aber als sie ihn aufheben wollte, stellte ihr Begleiter den Fuß darauf.

„Ich kenne die Vorschriften. Nur im äußersten Notfall dürfen sie die Türen öffnen.“

Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Und später würde sie sich selbst dafür hassen, dass sie jetzt da unten neben ihrem Schlüssel kniete, zu ihm aufblicken musste, völlig erstarrt und keine Antwort parat hatte.

Statt dessen antwortete Stern.

Er schrie wie am Spieß. So laut, wie man es einem wie ihm nicht zugetraut hätte. Er schrie nicht lange. Aber voller Panik. Ein Schrei, der einen bis in die Träume begleiten würde. Ein nasses, klatschendes Geräusch beendete seinen Schrei.

Steinrauchs Starre löste sich endlich. Sie stieß den überraschten Polizisten mit der Schulter zur Seite, raffte den Schlüssel auf und sperrte hastig und mit zitternden Fingern die Zellentür auf.

Steven fluchte, weil er nicht weit entfernt war, aber nichts sehen konnte. Er hatte Sterns Stimme erkannt. Er hatte seinen Schrei durchaus richtig interpretiert.

„Oh verdammt.“, murmelte er. Und dann ertappte er sich dabei, wie er sich Sterns Leichnam vorstellte.

Als er dann Steinrauchs Entsetzensschrei hörte und das Geräusch, wie sich der fremde Polizist in den Flur übergab, war ihm bewusst, dass die Wahrheit wahrscheinlich viel widerlicher aussah als alles, was seine Fantasie ihm zeigen würde.

Dann hörte er auf einmal etwas völlig Überraschendes.

Barek, dessen Zelle nur vier Zellen entfernt auf dem selben Flur lag, rief durch den Flur: „Der Shaitan ist wieder da gewesen. Hab ich Recht? Steven? Hab ich Recht?“

Dann wurde der allgemeine Alarm ausgelöst.

Und am nächsten Tag ließ sich unter den Gefangenen nicht mehr die Geschichte zurückhalten, dass Nachts der Tod mit makaberen Schritten durchs Haus schlenderte.

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