Briefe von Asraa

Erstes Bild   Vielleicht sollte er warten, bis sein Leben als Graphic Novel erschien. Das erste Bild dann nur in Brauntönen gehalten. Ocker. So wie das Cover von Cumbe von Marcelo D’Salete. Braun und Weiß. So ist das ganze Leben, nicht wahr? Als sie zum ersten Mal zu ihm aufgeblickt hatte und das Weiß ihrer Augen erst verriet, wie dunkel ihre Haut eigentlich war. Arabisch dunkel. So hatte sie es genannt. Ist mir egal, hatte er geantwortet. Deine Hautfarbe interessiert mich nicht. Warum ...

Das hohe Gras

Es kamen alle zusammen Folgten der Werbung Heut könnte der Himmel endlich Über aller Köpfe Platzen Es strahlten Leuchtreklamen Von Raketen gezeichnet Ins Nächtliche wie heilige Sterne Oh kommet ihr Hirten im Mai Es begrüßten die Salven Die menschliche Menge Ein jedes geschossene Wort Traf feierlich mittig ins Herz Es war erhaben die Stimmung Höret die Botschaft des Herrn Ist eingezogen ins heilige Land aller Welt, er spannt das Firmament Das hohe Gras überzeichnet die Spuren Das Salz ...

Sieh nur! (Sonett)

Sieh nur! Der Himmel wird gestreift. Die Worte sind zum Flug gereift Sieh nur! Bald können wir es spüren Wenn sie am Boden detonieren Und sieh, sie zeichnen neue Horizonte. Man tat wirklich alles, was man konnte Und hör: was soll man sinnlos diskutieren Wenn sie am Boden detonieren Sie wollen Masken von Damaskus reißen Und Krieg soll wieder Frieden heißen Sie wollen, dass die Welt im maximalen Farbenrausch ertrinkt. Sie säen Blut und ernten Macht Sie streuen Feuersamen in der Nacht Wir brennen ...

Syrien, 11.04.18

Ich steh hier So fest, wie eine Faust in den Boden gerammt Und es wirbelt auf und um mich herum Staub, Asche, Stein, Trümmer und Splitter Träume und Traumata der Kinder In Einzelteilen zerlegt Heben sich bunte Blätter von Magazinen Könnte auch Geld sein Und grauschwarze Hüllen von Minen Könnten auch Schutzschilde sein Im Tanz mit Stimmen, die Schreien Und während die Welt sich um mich dreht Trifft mein Auge auf Das Titelbild des Magazins USA Präsident rote Linien einmal quer Durch alle Bücher ...

Irgendwo zwischen Aleppo und Idlib

Der durstige Mann beugt sich vor entlässt den Sand aus der Kehle. Sie frösteln heimlich Nachts und im Keller Die Türen versperrt Sand in den Scharnieren. Kind, das in Milch liegt gegorene Haut voller Risse wie Landkarten mit Markierungen: Jedes Kreuz in den Handflächen ein falscher Schritt auf der Hauptstraße zwischen Schule und dem alten Mann, der früher die Katzen mit Sahne durchbrachte durch knochentrockene Zeiten. Heute baden sie noch in Seen aus rotem Licht wo seelenlos Morgen Land aus ...