Die Linde von Kehl (4/4)

 

„Stört es dich, dass ich hier bin, oder dass ich dir auf den Fußboden blute?“, fragte sie. Es klang sanft, fast müde. Sie stand hinter mir und sie legte mir ihre Hände auf die Schultern. Sie begann zu massieren und flüsterte mehr zu sich selbst als zu mir: „Wie verspannt.“

Ich konnte durch den Druck ihrer knetenden Hände an meinem Rücken spüren, dass sie zitterte. Und fast automatisch fragte ich: „Ist dir kalt?“

Sie seufzte.

Als ich mich umdrehte, lag sie bereits in meinem Bett. Ihre Kleider, blutige Lumpen, lagen auf dem Boden.

„Wie heißt du?“, hörte ich mich fragen.

„Du willst, dass ich Gaia heiße.

„Ich weiß nicht, was ich will.“, sagte ich.

„Dann schließ das Fenster. Es wird wirklich kalt.“

Ich sah rüber. Das Fenster stand sperrangelweit offen. Draußen war es hell geworden.

Aber nicht Tag.

„Was ist das?“

„Feuer.“

„Was sonst.“, antwortete ich. Selbst die Fensterbank war heiß. Ich sah, dass der Horizont Feuer gefangen hatte. Die Flammenzungen, die über den Himmel leckten, erinnerten weit entfernt an ein in den Himmel gezeichnetes Geäst.

„Wie heißt du wirklich?“, fragte ich sie.

Drinnen war es kälter als draußen. Ich schloss lediglich die Kälte ein, als ich das Fenster zumachte.

„Freya.“, sagte sie und seufzte schwer. „Willst du?“

Die Decke war halb zurückgeschlagen.

Ich stand am Bettrand. Ihr Körper glühte, aber sie zitterte.

Das Blut aus ihrer Wunde tropfte auf den Boden vor meinen Füßen. Ihre Augen sahen mich an, halb zornig, halb flehend.

„Die Bullen kommen gleich.“, flüsterte sie. „Beeil dich.“

 

Keine Erinnerung, wie ich ins Bett gekommen war. Ich hatte noch Kleider an. Mein Schlaf war auf einen Schlag beendet. In meiner Brust wälzte ein dicker Klumpen. Mühsam rollte ich mich zur Seite aus dem Bett und schleppte mich ins Bad. Mein Spiegelbild sah furchtbar aus.

Von unten hörte ich Stimmen. Mein Vater schien aufgebracht. Und dann verließ er das Haus und ich hörte ihn sagen: „Red mit meinem Sohn. Ihr dürftet euch gut versteh’n. Er ist genauso nervös wie du.“

Der, der genauso nervös sein sollte wie ich, war ein Fremder unten im Wohnzimmer. Er saß steif am Esstisch und hatte die Hände brav vor sich auf der Tischplatte ruhen.

Als er mich eintreten sah, lächelte er sanftmütig, stand auf und schüttelte mir die Hand.

„Mein Name ist Wendelin.“ Und dann unnötigerweise: „Wir kennen uns nicht.“

„Ich hab schon von oben gehört, dass wir uns gut verstehen dürften, wenn es nach meinem Vater geht.“

„Der alte Narr.“, ergänzte der Fremde. Wenn er sich erregte, färbten sich die Wangen dort, wo die Knochen unten den Augen etwas deutlicher hervortreten, rosa.

„Er sieht nicht ein, dass nicht jeder glücklich darüber ist, wenn der Marienbaum gefällt wird.“

„Mich macht es auch nervös.“, sagte ich. „Aber ich kann es wirklich verstehen. Das Licht …“

„Ihre Großmutter hat sich auch über die Dunkelheit beschwert.“, nickte er.

„Hat sie?“

„Aber sie war bereit, damit zu leben. Jedes Dorf hatte früher einen Baum, wissen Sie. Marienbäume oder Apostelbäume, die …“

„Das Wort hab ich noch nie gehört. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass jemand überhaupt mal diese Linde als Marienbaum bezeichnet hätte.“

Er nickte: „Die alten Traditionen geraten in Vergessenheit. So ist das nun mal. Sie kennen aber bestimmt diese älteren Filme, wenn die Dorfbewohner sich für Feste in der Mitte des Dorfes an einem Baum trafen. Oder draußen auf dem Feld oder bei der Kirche. Es gibt Dörfer mit Festwiesen und so …“

„So etwas wie ein Maibaum.“, riet ich, dachte aber an den Omphalos-Stein.

„Sowas in der Art. Die Bäume hießen im christlichen Brauchtum Marienbäume. Oder Apostelbäume, weil man sie so geschnitten und gezogen hatte, dass ihnen genau zwölf Äste wuchsen.“

Die Zeiten ändern sich. Wie sehr, das zeigte er mir mit Bildern.

Alte Schwarzweiß-Aufnahmen und zwei Fotografien von alten Zeichnungen zeigten das Haus meiner Mutter und die davorstehende Linde. Er zeigte mir Hochzeitsgesellschaften mit ernsten Gesichtern, eine posierende Dorfkapelle, ein Festumzug.

„Der Baum ist ein Stück Geschichte des Dorfes.“, sagte Wendelin. „Ein Stück christliche Tradition.“

„Nur ein Überbleibsel.“, meinte ich traurig. „Ein Reststück, das verschluckt wird von den Ansprüchen der heutigen Zeit.“

„Eine Zeit, die den Sinn verloren hat.“, meinte er.

„Ich habe diesen Satz in diesem Zusammenhang jetzt schon aus drei Mündern gehört.“, sagte ich ihm. „Und jedes Mal klang der Satz anders. Bei Ihnen klingt er aber nach einer Drohung.“

„Ich bin ein Bewahrer.“, meinte er trocken.

Das war keine echte Erwiderung. Wendelin stand ruckartig auf und packte seine Sachen sein. Er verzichtete darauf, mir die Hand zu schütteln. Stattdessen meinte er, wir würden uns heute Mittag wohl wieder sehen.

„Am Festplatz.“, sagte er zynisch.

„Keine weitere Überzeugungsarbeit?“, fragte ich zurück.

„Niemand braucht überzeugt zu werden, der schon überzeugt ist und trotzdem nicht hilft.“

 

Größeren Stürmen gehen bei oft schwere Anfälle von Migräne einher.

Das hier war so ähnlich. Inzwischen fühlte sich mein ganzer Körper furchtbar an. Ich hatte zwar keine Kopfschmerzen, fühlte mich aber lichtempfindlich und träge. Die Luft kam mir zähflüssig vor. Meine Muskeln waren verkrampft und mein Verstand war wie ein sich um sich selbst drehender Klumpen. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Und auch mein Zeitgefühl war nicht mehr einwandfrei. Während ich meinen Kaffee trank, floss die Zeit unfassbar langsam an mir vorbei. Und doch war es schon kurz vor Mittag, als die Tasse zu Ende getrunken war. Beim Anziehen flogen zwischen meiner Haut und dem Mantelfutter Funken. Mir war speiübel. Und doch zog es mich ein letztes Mal zum Haus meiner Großmutter.

Es war ein fast schon freundlicher Herbsttag. Die Sonne leuchtete matt über einen Himmel, der so gelb war wie Lehm.

Es waren einige Leute zusammengekommen. Sie standen um die Omphalos Linde, die meisten mit den Händen in den Taschen.

Sinter und mein Vater schüttelten einer Gruppe von älteren Männern die Hände.

Ich sah Wendelin in einer hinteren Reihe stehen. Er machte letzte Fotografien von dem Baum und vielleicht auch von dem anstehenden Ereignis.

Ich sah nur verschlossene Gesichter. Unlesbar, auf welcher Seite die Leute hier standen.

Gerade als ich ankam, sah ich, dass mein Vater eine Rede halten würde. Als ob das angemessen wäre. Er sagte etwas davon, dass es zwar nur ein Baum sei, aber einer mit einer Geschichte. Dass das Bild des Dorfes zwar von ihm geprägt worden sei, aber dass es an den Menschen läge, wie das Dorf wirklich sei. Und für das Dorf brauche es Menschen wie die Familie Sinter. Ihnen zu liebe müsse das, was die Lebensqualität mindere, fortgeschafft werden. Es gehe nicht um eine Tradition. Es gehe nicht um die Vergangenheit. Es gehe um die Gegenwart. Um ein Leben im Heute. Dörfer würden heutzutage aussterben, wenn sie sich so sehr an die Tradition klammern würden, dass es kein Licht mehr in den Wohnungen gäbe.

Ich hörte nicht mehr hin, weil ich ohnehin schon alles gehört hatte, was er sagen könnte.

Ich setzte mich in einen Hauseingang und schaltete meinen Verstand ab, bis er so etwas sagen würde wie „Im Hellen bekäme man keine Depressionen“.

Jemand setzte sich zu mir.

„Warum beschäftigt dich das alles so, Arschloch?“, fragte sie mich.

„Warum hörst du nicht einfach auf zu bluten?“

Das brachte sie zum Lachen.

„Heute wird deine Großmutter endgültig zu Grabe getragen.“

Ich antwortete lakonisch: „Sie soll in Frieden ruhen.“

Dann war ihr Mund ganz nahe an meinem Ohr. Ihr Atem kratzte in meinem Gehörgang. Bei Gott, sie war so real wie der kalte Stein in meinem Rücken, wie die feuchte Treppenstufe unter meinem Hintern. Sie war so real wie die Arbeiter mit ihren roten Anzügen und den Schutzmasken, den Kettensägen, den Sicherheitsseilen. Sie war so real, dass ich das Blut, das aus ihrer Seite trat, regelrecht riechen konnte.

„Das war’s aber mit dem Frieden.“, keuchte sie mir in den Verstand hinein.

Ich öffnete die Augen und sah, dass die Arbeiten begannen.

Dann drehte ich den Kopf und erschrak bis in die tiefsten Tiefen meiner Seele hinein.

Sie saß wirklich neben mir, grinsend. Den Schal um die Seite gewickelt. Der Schweiß klebte ihr die Haare ans Gesicht und sie stank nach feuchter Natur. Sie stank, wie es in modrigen Kellern riecht. Wie vergilbte Bücher zwischen den Seiten. Wie nasses Herbstlaub im Wald an den dunkelsten Stellen. Sie stank nach Erde und Humus.

Mit ihren eiskalten, nassen Lippen küsste sie mich auf den Mund.

An ihr vorbei sah ich mit an, wie die Sägen in das Fleisch der Linde schnitten und dich sah die hellen Späne fliegen, sah die kalten Gesichter der fremden Menschen, die sich versammelt hatten.

Der einzige, der meinem Blick begegnete war Wendelin.

Als er mich und die Fremde küssend im Hauseingang sitzen sah, bekreuzigte er sich und öffnete den Mund um etwas herüber zu rufen. Vielleicht eine Warnung.

Freya, oder wer auch immer sie war, löste sich endlich von mir.

Und während der Baum im Hintergrund starb und zu Boden gerissen wurde, verwandelte sich ihr Mund in ein breites, unergründlich tiefes Grinsen voller Bösartigkeit und sinister Gier.

Sie sah aus wie das personifizierte Böse. Ein Abgrund von einem Mensch.

„Ich gehe.“, sagte sie. „Aber keine Sorge. Man sieht sich!“

Ihre Hand floss von meinen Schultern. So sehr ich mich anstrengte, den Blick nicht von ihr zu lösen, ich verlor sie. Meine Hand griff ins Leere. Mein Halt verschwand.

Das Knistern und Rauschen von nicht mehr allzu weit entfernten Feuern tobte durch meinen Verstand, färbte mir die Sicht und während mir endgültig die Sinne schwanden, verlor ich das letzte mir noch gebliebene Gefühl von Sicherheit.

Eine gleißende Röte umschloss mich und sollte mich Zeit meines Lebens nicht mehr verlassen. Eine Röte, die mir das Leben vergällt, weil sich jeder Augenblick anfühlt, als ob diese Freya stets hinter mir lauert, in Schatten verborgen, lungernd in allen Hauseingängen der Welt. Mit ihrem verzehrenden Blick in meinen Rücken. Wartend auf den einen Augenblick, da ich sie wieder sehen kann. Nur um wieder mit mir zu sprechen und mir zu danken.

Dafür, dass es nichts mehr gibt, was sie festhält am Nabel. Dass sie frei ist, zu wandern über die Welt. Die letzte Menschlichkeit und Gerechtigkeit auszutreiben.

Und nichts zu hinterlassen als Asche.

Und Licht.

Eiskaltes, deprimierendes Licht.

 

(Ende)

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