Syrien, 11.04.18

Ich steh hier
So fest, wie eine Faust in den Boden gerammt
Und es wirbelt auf und um mich herum
Staub, Asche, Stein, Trümmer und Splitter
Träume und Traumata der Kinder
In Einzelteilen zerlegt
Heben sich bunte Blätter von Magazinen
Könnte auch Geld sein
Und grauschwarze Hüllen von Minen
Könnten auch Schutzschilde sein
Im Tanz mit Stimmen, die Schreien
Und während die Welt sich um mich dreht
Trifft mein Auge auf

Das Titelbild des Magazins
USA Präsident rote Linien einmal quer
Durch alle Bücher gezogen
Und quer im eigenen Namen
Den fremden Menschen
Durch die Nabelschnüre verknoten
Der alle Reißleinen zieht
Die das Land wie Narbengeschnüre
gerade noch zusammenhält als
eine Erinnerung an einen Name
in den Atlanten.

Den Fetzen aus einer Zeitung
Mit der Überschrift, man wolle nicht nur, man müsse
Diplomatisch den Frieden garantieren
Man könne nur in Sekunden
Den IS mit eigener Macht konfrontieren
Niemals aber die Sicherheit von Kindern erhöhen
Dadurch, dass wir durch Muskelspiel unsere Macht demonstrieren!

Den Sprecher, der um 20:00 Uhr
Keine Zahlen mehr nennt, sondern nur noch den Namen
Der Stadt, die unter Senfgas beerdigt liegt

Den angebrannten, noch kokelnden Dollarschein
Der bezahlt worden ist von einer Frau,
deren einziges Verbrechen es war,
auf dem letzten noch verbliebenen Schwarzmarkt
Blutmarkt
Mit nichts als Agonie tief verwurzelt im Knochenmark
Einen Apfel zu kaufen
Direkt daneben ein Stück ihrer Lippe
Könnte auch Dreck sein
Womit sie gerade in ihrer Sprache gesagt hatte
Guten Morgen, Allah sei mit dir.

Über meinem Kopf ein kreiselndes Pojektil
Aufgehalten im Flug
Anvisiert auf den Soldaten mit dem türkischen Namen
Der alles tun würde, worum sein Vaterland ihn bittet,
weil sein einziges Verbrechen es war,
dass er den Worten vertraute,
die er von seinem Präsidenten aufsaugte,
die er wortwörtlich verstand und deren Konsequenzen
er denen überließ, die sich damit auskennen,
denn er kennt sich nur damit aus,
wie man Hüte schnürt
und an den Mann bringt,
wie man Helme so trägt,
dass man sie nicht mehr spürt
hat ihm ein anderer beigebracht,
der nicht mehr wusste, dass er auf der gleichen Seite stand
und einfach nur schoss.

Ein Fetzen israelischer Flagge,
die gesegnet worden war vor nur wenigen Tagen
von einem Rabbi der ironischerweise die Gunst
genoss, seine verstorbene Kindheit ausgerechnet in Russland zu erleben
und dabei gewesen war, als die Erde angefangen hatte zu beben
damals vor geschätzt und gefühlt dreihundert Jahren.
Das war kurz bevor das Volk Israel das Heilige Land betrat,
da liebte er ein Mädchen, tatsächlich „Palästina Maria“ mit Namen
und der Rabbi, der auch im hohen Alter noch träumt,
wie diese Liebe heutzutage hoffentlich tot, das ganze Elend versäumt

Ein Fetzen iranischer Uniform,
eines jungen Offizierkameraden,
der nichts anderes wollte als Karriere und Geld
der immer nur sagte: Die Reichen wüten, aber es streiten die Armen.“
Der fühlte immer bei jedem Schritt, das Gewicht dieser Welt
Und hatte in seinem Geldbeutel eine Plastiktüte mit ein paar Krümeln
Der Erde aus seinem Garten.

Und dann ein paar Erdfetzen,
zerrissen aus dem Angesicht dieser Welt,
die immerzu hört, Gott sei nirgendwo außer dort,
wo man ihn am wenigsten erwartet
Gott sei, scheißegal wie er heißt, im Herz und den Seelen
Der Elenden, der Gequälten
Er sei im Staub, den man atmet,
wenn über Friedenszonen auf ego-macht-politischem Gebären
Ein ganzes A B und C an Bomben niedergeht
Weil die De-Eskalation von den ehemaligen Rebellenführern regiert wird

Die, inzwischen geflüchtet,
im Norden, am Hafen, sitzen, die Häupter ein letztes Mal oben
Plakate beschriften: „Wenn die Welt uns nicht hört,
weil die Welt uns nicht versteht,
was bringt es dann
unsere Botschaft
auf Plakate zu bringen?
unsere Botschaft
in glühenden Liedern zu singen?
Unsere Botschaft
zu Worten zu bringen?
unsere Botschaft
überhaupt zu haben?
überhaupt von
unserer Botschaft
zu schwafeln?
überhaupt
eine Botschaft
zu sein?

Ein Stück Plakat
Zerfetzt
Liegt unter mir auf dem Boden.
Ich stehe hier
Fest wie eine Faust auf den Boden gerammt
Ein letzter Atemzug, unter dem die Welt verbrannt
Wird wie ein Leuchtfeuerkomet aus dem Hass, der Verzweiflung, der Wut,
die das Gas von Duma niemals auszulöschen vermag
was Wut, Verzweiflung und Hass
in den letzten Jahren geboren haben: Den Wahnsinn,
neuer apokalyptischer Reiter
moderner Zeitengefreiter
ein vom Irrsinn gezeichnetes Antlitz aus Stein
Verkörperung des Untergangs unserer Moderne allesamt

Steht hier
Fest wie eine Faust in den Boden gerammt.

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