Sturmzeit (2)

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Die Weinstube im Erdgeschoss der Pension war bei ihrer Ankunft mäßig besucht. Man sah kurz auf, als sie eintraten. Aber die zweiten Blicke blieben auf ihnen haften. Folgten ihnen. Drafi begrüßte den Wirt wie einen alten Bekannten. Gerri und Steven setzte sich mit Josy und Jeannette sofort an eine Eckbank. Über ihnen hingen zwei ausgestopfte Wildschweinköpfe.

Quinn blieb noch unschlüssig zurück. Als sie sah, dass Jeannette zu ihr rüberblickte, bemerkte Quinn, dass sie sich den vor Schmerz pochenden Arm hielt. Hastig ließ sie los; sie zwang sich zu einem Lächeln.

Es kamen jetzt immer mehr Leute zu Drafi. Sie setzten sich stumm zu ihm an die Theke. Man reichte einander Schnaps, klopfte einander auf die Schulter. Erst als auch Steven und Gerri an ihrem Tisch etwas zu Trinken vor sich stehen hatten, wurde die Stimmung gelöster und es wurde sogar gelacht.

Steven erklärte den Frauen, dass man hier jeden kannte.

„Das sind unsere Leute.“, meinte Gerri. Während sie ihren Tisch passierte, gab er der Kellnerin einen sanften, fast zärtlichen Streichler zwischen den Waden mit auf den Weg.

Josy wagte es zu sagen, dass es hier stank.

Quinn und Jeannette mochten es hier genauso wenig. Aber die Männer ließen sich nicht von ihrer guten Laune abbringen. Endlich kam auch Drafi zu ihnen an den Tisch.

„Wir bekommen die alten Zimmer. Kein Problem.“

„Klar ist das kein Problem.“, lachte Gerri.

„Ab morgen das übliche Programm?“, fragte Steven.

Und Drafi kramte in seinem Rucksack, um auch den Frauen den Plan zu zeigen.

„Ich hab es euch aufgeschrieben.“, sagte er. „Mit Zeitplan. Da, wo es notwendig ist. Morgen stehen wir früh auf.“, er warf einen skeptischen Blick auf Steven. „Ist mir egal, wie lang die Nacht wird.“

Die drei Männer lachten darüber wie über einen alten Witz. Und Steven erklärte seiner Josy: „Das sagt er jedes Mal.“

„Seit dieser einen Nacht, nicht wahr, Stevy-Boy?“, ergänzte Gerri und schlug Steven herzhaft auf den Rücken.

Bevor die Geschichte aber erzählt werden konnte, las ihnen Drafi sicherheitshalber die Liste vor. Quinn wusste sowieso Bescheid. Drei Männer auf einem Ausflug ohne ihre Frauen. Und die gute Laune, die sie in den Wochen davor und danach hatten. Quinn war nicht dumm. Und Drafi war ein mieser Lügner.

Als der Plan aufgekommen war, dass die Frauen diesmal mitfahren sollten, hatte das die Stimmung in allen drei Familien bis zum Zerreißen angespannt. Aber Drafi hatte von einer Sekunde zur nächsten dann sogar darauf bestanden, dass die Frauen diesmal mit von der Partie sein sollten.

„Das wird ein Fest.“, hatte er immer wieder gesagt. „Aber ihr spielt nach unseren Regeln. Weil es unser Männerwochenende ist. Alles klar? Ihr macht genau, was wir sagen!“

Der größere Mittelaltermarkt, hatte Drafi ihnen erklärt, war eigentlich auf der anderen Seite des Berges. In Annweiler hatte man im Mittelalter keinen Geringeren als Richard Löwenherz festgenommen gehabt. Das feierte man dort natürlich jedes Jahr gebührend. Dort wollte man in dieser Woche auch einen Abstecher hin machen. Man kann ja nicht im Trifelsland sein, ohne das große Löwenherzfest mitzunehmen, lachte Gerri. Aber das eigentliche Ziel war unten in Brechen selbst. Das kleine Dorf hatte auch seine Mittelaltergeschichte, stand aber im Schatten der Stadt Annweiler.

Brechen zog sich winklig zwischen üppigen Weinbergen einen Hang hinauf, der fast unmittelbar auf den Pfälzerwald stieß. Der dunkle Mischwald thronte über Brechen; ja: er wölbte sich teilweise sogar mit den rotsandigen Steinhängen – den Ausläufern des Dahner Felsenlands – weit über das Leben der Dorfbewohner hinweg. Brechen lag in einem schattig modrigen Fleck Welt. Der hiesige Mittelaltermarkt war klein und überschaubar. Es war kein Wunder, dass Drafi es hier liebte. Denn es dauerte keine Stunde, ehe er und seine Jungs von den Dorfbewohnern erkannt und in ihre Mitte gezogen wurde.

Es war spürbar mehr als die geschäftsmännige Freude über die Wiederkehr der bekannten Mittelaltertouristen.

Fünf stämmige Kerle kamen zu ihnen, wollten mit ihnen trinken. Sie fragten, wer denn die „Damen“ wären. Quinn, Josy und Jeanette wurden vorgestellt und direkt danach ignoriert.

Die einzigen, die zu ihnen blickten, waren die Wildschweinköpfe an der Wand.

„Ich muss an die frische Luft.“, sagte Quinn. Und Drafi schob ihr den Autoschlüssel und die Zimmerschlüssel zu.

„Tragt alles hoch.“, sagte er. „Wir haben Zimmer 17.“

Es hatte aufgehört zu regnen und eigentlich war es sogar so warm geworden, dass die Feuchtigkeit sofort vom Boden verdampfte. Und trotzdem zitterte Jeannette.

„Alles klar mit dir?“, fragte Quinn.

„Es ist abgefuckt hier.“

„Eigentlich nicht.“, sagte Josy. Sie war ein paar Schritte abseits zu einer Mauer getreten. Von hier aus hatte man eine gute Aussicht auf das Tal. Man blickte über Brechen hinweg. Man sah die Waldhänge. Und wie der Wald in trichterförmigen Säulen seinen blassen Atem ausstieß. Der Abend färbte den Himmel. Über ihnen war alles bereits schwarz. Aber am Horizont gab es noch einen leuchtenden, blauen Streifen, der von einem bleiernen Gewitterband von der Dunkelheit ferngehalten wurde.

„Es ist schön hier.“, sagte Josy. „Es gefällt mir.“

„Das soll wohl ein Scherz sein?“, machte Jeannette. „Es gibt kein Internet hier. Und hast du gesehen, wie die Leute glotzen?“

„Jetzt halt mal dein Maul, Brudi. Hör doch mal.“

Quinn und Jeannette kamen zu ihr. Sie starrten über den grünen Teppich hinweg. Und lauschten. Es war nichts zu hören. So sehr Quinn sich anstrengte. Nichts. Absolut nichts. Ein paar Vögel vielleicht. Das Rascheln von Laub. Ein kaum vernehmbares Atmen des Windes.

Josy flüsterte: „Es ist ein kleines Paradies hier oben. Das hab ich nicht erwartet. Echt nicht. Ich dachte, es wird langweilig. Aber habt ihr gesehen: da hinten stehen Feigenbäume im Garten. Und da hinten, bei den Bierbänken. Was ist das für ein Baum?“

Die andern folgten ihrem Blick. Es war ein Baum mit verdammt großen Blättern, die sich wie überdimensionale Hände schützend über den Hof legten. Der Stamm war mächtig, aber er war auch gewunden, so als ob er sich im Wachsen ständig gedreht hätte. Von unten nach oben veränderte das Holz dabei seine Farbe, wurde immer heller, bis es schließlich fast staubig grün ummantelt in die Äste und Zweige auswuchs.

Die drei Frauen traten näher. Die Pension hatte hier eine gut gelegene Terrasse zu einer Art Biergarten ausgebaut. Um diese Uhrzeit und bei diesem Wetter standen die Tische und die Stühle natürlich zusammengerückt und es war kein Mensch zu sehen. Aber umso faszinierender war von hier aus das Landschaftsbild, das sich erstreckte.

Dieser Baum stand hier so einsam in der Mitte des Aussichtspunkts, und hinter ihm erstreckte sich die Weitläufigkeit, von der sie vorhin an der Mauer nur einen winzigen Ausschnitt erspäht hatten.

Man sah einerseits über den Pfälzerwald, andererseits hinunter in die weit ausladende Talebene, von der sie gekommen waren.

Man sah über Brechen hinweg. Und über all die Schatten dieser Welt.

„Es ist paradiesisch hier. Exotische Bäume, die Luft. Ich hab das Gefühl, ich könnte einfach die Augen schließen und ich würde hoch in den Himmel schweben.“

„Du bist müde, Schatz.“, sagte Jeannette trocken. Aber sie hatte bereits ihr Handy gezückt und machte ein Bild für Instagram und den Augenblick, da sie wieder Internet haben würden.

„Ich mein ja nur.“, sagte Josy. „Hättest du gedacht, dass es hier schön sein könnte?“

„Ich hab mir vorgestellt, dass wir in einem miesen Loch landen, wo tote Tierköpfe an der Wand hängen.“, antwortete Quinn an Jeannettes Stelle. Die Freundinnen grinsten.

„Und dass es hübsche Bedienungen gibt, die sich zwischen die Beine greifen lassen.“, Jeannette verdrehte die Augen.

Sie teilten Zigaretten aus und dann standen sie noch eine Weile da und genossen den Ausblick.

Quinn musste Josy wirklich Recht geben. Es war verdammt ruhig hier oben. Und ein so ruhiger Ort hatte sie sich wirklich nicht träumen lassen. Mit Drafi gab es zwar viel Abwechslung viel Überraschung. Aber eine Konstante gab es dann doch: es war immer alles laut. Wie zur Bestätigung verließen zwei betrunkene, alte Männer die Pension und für die Zeit, die die Tür brauchte, um von selbst wieder ins Schloss zu fallen, hörte man Drafi laut und dröhnend lachen.

„Drafi lacht nur über miese Witze.“, sagte Quinn. „Das spricht jedenfalls nicht für dieses Wochenende.“

„Kommt, Brudis, unser Pakt.“, Josy streckte die Hand vor, mit dem Rücken nach oben. Als keine reagierte, nahm sie die Hände der Freundinnen und legte sie sich auf die ausgetreckte Fläche. „Der Pakt: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Sagt es mit!“, forderte sie. Und diesmal, wenn auch zunächst widerwillig, sprachen sie alle drei:

„Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir sind stark genug. Weil wir aufrecht sind. Wir bleiben am Leben. Für uns. Und wenn die Welt untergeht: wir bleiben ein Team.“

Josy machte diesmal den Anfang. Sie zog ihren Pullover ein Stück nach oben und zeigte eine frische Narbe, die quer über den Bauch lief: „Er hat einen Teller zerschlagen und mir mit einer Scherbe quer den Bauch versucht aufzuschlitzen.“, erklärte sie. Wie immer: die Stimme, als ob man über ein wunderschönes Familienwochenende spricht.

„Warum?“, fragte Quinn.

„Wie immer“, meinte Josy achselzuckend und bedeckte die Narbe wieder. „Weil ich ein Schwein bin.“

Jeannette öffnete ihren Schal. An ihrem Hals war ein dicker, blaugrüner Fleck, ein paar runde Flecken links und rechts daneben.

„Er hat versucht, mit einer Zigarette den blauen Fleck wegzubrennen. Er kann es nicht sehen. Er kann es einfach nicht ertragen, wenn er die Flecke sehen kann, die er mir selbst zufügt. Aber er war sternhagelvoll. Es war direkt nach der Feier, die sie immer abhalten, wenn der Wagen fertig gepackt ist. Und mit dem Alkohol … Ihr wisst doch.“

Quinn war an der Reihe. Sie kannte ihre neueste Wunde noch gar nicht. Der Pakt sah es vor, dass sie alles offenlegten. Also zog sie ihren Pullover aus und betrachtete gemeinsam mit ihren Freundinnen, die neuen Flecke.

Man konnte richtig sehen, wo sich die Fingerspitzen in ihr Fleisch gedrückt hatten. Für jeden Finger gab es einen eindeutigen Abdruck. Und für jeden Abdruck eine Farbe. Für jede Farbe eine Geschichte, nicht wahr?

Sie sagte: „Weil er mit erklären wollte, dass ihm die nächsten Tage wichtig sind. Wir sind hier. Aber es gibt Regeln. Und wenn wir uns nicht an die Regeln halten, …“, sie strich mit dem Finger über die farbigen Stellen. Die Haut glühte regelrecht. Und das Fleisch darunter war so hart, als hätte er ihr kleine Kugeln unter die Haut geschoben. „Ich glaube, wir können ihm dieses Wochenende gar nicht perfekt machen. Wir sind hier. Das ist schon schlimm genug für ihn. Selbst wenn wir alles machen, was er will. Dann sind wir immer noch hier.“

Betroffen sahen sie alle wieder hinüber zum Wald. Über der sich starr wie ein vielgewölbter Teppich ausgebreiteten Landschaft spannte sich für Quinn das Gefühl aus, wie wundervoll es wohl sein könnte, wenn die ganze Welt einfach nur aus Wald bestehen würde. Und nicht ein einziger Mensch wäre da. Nicht mal sie selbst.

Es wäre keine Gewalt da, kein Schmerz.

Keine Freundschaft, die sich an sich selbst festklammerte, nur um dem eigenen Elend zu entkommen.

„Wir sollten uns beeilen mit dem Ausladen.“, sagte Jeannette plötzlich. „Ihr erinnert euch doch: nur nicht auffallen.“, und sie und Josy ließen Quinn fürs Erste allein.

Ihre Wunden waren nicht so tief und vielleicht auch nicht immer so brutal wie die der anderen. Aber sie waren schlimmer. Auf eine ganz eigene Art. Und das dachte Quinn jetzt nicht nur, weil man die eigenen Narben immer als bedeutender empfand als die der anderen. Sie dachte es, weil sie Drafi kannte. Und weil sie wusste, wozu er alles in der Lage war.

Sie vergaß die Zeit.

Als sie zum Wagen zurückkam, waren Josy und Jeannette nicht mehr da. Sie hatten bereits einiges aus dem Wagen ausgeräumt und nach oben gebracht. Sogar ein paar von Quinns Sachen waren dabei. Und deshalb schämte sie sich.

Verdammt, Josy hat den Bauch aufgeschlitzt bekommen. Und mich macht es fertig, dass er mich zu fest angepackt hat?

Sie zog eine Tasche aus dem Kofferraum und prompt unterschätzte sie das Gewicht. Sie war viel leichter als gedacht. Deshalb fiel sie mit der Tasche zurück und stürzte auf ihren Hintern.

„Nur langsam.“, sagte eine fremde Stimme. Quinn spürte, wie sie unter den Armen gepackt und auf die Beine gehievt wurde. Dann stand sie der fremden Frau gegenüber. Sie war gerade an der Schwelle zwischen Jugendlich und Erwachsen. Eigentlich war sie viel zu jung und zu hübsch für einen Tag und eine Gegend wie diese. Sie lächelte Quinn freundlich an: „Haben Sie sich verletzt?“

„Das war so was von dumm.“, murmelte Quinn. Sie klopfte sich den Staub von den Beinen.

„Achwas.“, machte die Fremde. Etwas Fremdländiges lag in ihren Gesichtszügen, ohne dass sie dabei exotisch wirkte. Vielleicht kam Quinn deshalb das Mädchen so vertraut vor. Sie nahm kurzerhand Quinn die Tasche ab und fragte: „Wohnen Sie auch hier? Sagen Sie mir ihr Zimmer. Ich bring es Ihnen gerne hoch.“

„Nein.“, wehrte Quinn schnell ab. „Das ist schon Ok. Das muss ich allein schaffen.“

Die Fremde legte irritiert die Stirn in Falten und ließ Quinn das Gepäck wieder aus der Tasche nehmen.

„Sind Sie auch wegen den Mittelaltermärkten hier?“

„Ja.“, machte Quinn.

„Oh, mein Name ist Nazda.“

„Quinn.“, sie reichten einander die Hände.

„Dann sehen wir uns bestimmt, Quinn. Oder? Ich bin froh, dass Sie sich nicht weh getan haben.“

Quinn starrte dem Mädchen noch hinterher. Sie setzte sich Kopfhörer in die Ohren und joggte einen schmalen Weg in den Wald hinein.

Als Quinn schließlich die letzten Taschen in ihr Zimmer getragen hatte und das Gepäck ordentlich in den Schränken verstaut hatte, gesellte sich Josy zu ihr.

Sie standen auf einem schmalen Streifen Balkon und genossen einen Moment lang die Stille über der Welt.

„Es wird einen schönen Sternenhimmel heut Nacht geben.“

Anstatt darauf zu antworten, vermutete Josy lieber, dass ihre Männer heute wohl sehr spät ins Bett kommen würden.

„Sollen sie.“, sagte Quinn. „Sollen sie ganz lange weg sein.“

Und dann stellten sie sich drei Korbstühle auf den Balkonstreifen, luden Jeannette zu sich ein, rauchten, genossen den Sternenhimmel.

Und sie sprachen fast gar nicht.

Sie ließen einfach nur die Stille auf sich wirken, die nur unterbrochen wurde von einem lauten Gestöhne aus dem Garten, über das sie weder amüsiert lachten, noch dass sie es besorgt kommentierten.

Jeannette schaffte eine Flasche Wein her.

Aber der Alkohol wirkte bei ihnen nicht. Nicht mal ein bisschen.

 

Und hier geht es zum nächsten Teil

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