Kinderfänger (2)

Dies ist der zweite Teil der Kinderfänger-Shortstory. Auf Instagram wurde gewählt, ich soll wieder eine Horrorstory schreiben. Und was eignet sich besser, als die vielen verschwindenden Kinder in einer kleinen Gegend, in der jeder jeden kennt. Außer die Frau mit dem Sportwagen. Zum ersten Teil geht es hier.   „Clementine, wie kann man sein Kind Clementine nennen?“ „Es hat halt jeder einen anderen Geschmack, Schatz.“, Levs Vater kratzte sich unter der Kravatte. „Muss ich das ...

Circus Maximus (1/2)

Lanista hatte seit über einer Woche Stürme vorhergesagt. Und dann, am Donnerstag, wurde das Wetter tatsächlich miserabel. Der Regen peitschte schräg von der Seite und es gab immer wieder Windschübe, die so stark waren, dass sie einem den Boden unter den Füßen wegzogen. „Das sind keine Kampfbedingungen.“, hatte ich Lanista gesagt. Aber der wollte natürlich nichts von meiner Meinung wissen. Wenigstens ignorierte er mich und hackte nicht auf mir rum. Die Zeit war zum Glück vorüber. Denn ...

Schnee

So this was how you died, in whispers that you did not hear (Ernest Hemingway) Was weißt du? Nichts! Verdammte Scheiße! Konzentrier dich! Reiß dich zusammen! Panik hilft dir nicht weiter! Du sitzt in einem Auto. Da muss es doch mehr geben! Ich bin allein. Draußen liegt Schnee. Es ist scheißkalt. Fühlt sich nicht so an, als ob das Auto sich in den letzten hundert Jahren von der Stelle bewegt hätte. Alles ist verrostet, arschkalt. Ich spüre meine Finger nicht mehr. Es ist eine Kälte, ...

Die Linde von Kehl (2/4)

Die Schwalbe aus Papier bekam einen Ehrenplatz über meinem Schreibtisch und die Geister der Erinnerung riefen nicht nach mir. Meine neue Einrichtung wurde, wenn man von meinem Vater absah, von vielen sehr positiv aufgenommen. Ich lag voll im Trend damit, das Alte mit dem Neuen zu verbinden. Es gab in der Stadt ganze Geschäftszweige, die ihre Nische darin fanden, einen modernen Antiquariatismus zu definieren. Das Alte, selbst Designs und Stücke, die bislang als Fehltritte der Historie des Geschmacks ...

Sag’s nicht dem Bassisten

"Die Musik ist zu langsam zum Tanzen.", sagte sie mit der koketten Verachtung der Frau für den Fremden, grenzwertig höflich. "Verraten Sie es nicht dem Bassisten, aber der Drummer hat mir versprochen, noch in diesem Lied das Tempo zu steigern." Er zog sie auf eine Art in die Mitte, die ganz von ihrer Abneigung ablenkte. Das Tanzen lenkte sogar sie davon ab. Statt dessen gefiel sie sich einem endlosen Moment, wie sie sich in seinen Pupillen spiegelte, während sie sich um sich selbst drehten ...

Die Wölfe der Arai

Die Wölfe der Arai überwintern in den ausgehöhlten Leibern toter Schneeelefanten. In den Kadavern lässt sich die Wärme gut speichern. Von außen tarnt das weiße Fell der monströsen Tiere die Wölfe. Außerdem verbergen die Kadaver sehr effektiv den lebendigen Geruch der Wölfe. Ihre natürlichen Feinde, die Nacktbären zum Beispiel, wittern und meiden das tote Fleisch. In den Schneeweiten des Araigebirges leben zu wenig Aasfresser, als dass die Winter für die Wölfe eine gefährliche Zeit ...