Das Unbequeme – Essay

Die unbequemsten Menschen sind die, welche zum Zweck zu schlecht und zu[m] Mittel zu dumm sind. (Sophie Mereau-Brentano)   Meiner Erfahrung nach ist die Unterscheidung zwischen Zweck und Mittel nicht mehr so leicht zu verstehen. Man muss es mit dem Sprichwort erklären, eine Sache geschehe als „Mittel zum Zweck“. Ein Zweck ist ein Ziel. Und wenn Kant sagt, man darf nie einen Menschen als Mittel verwenden, stets immer nur als Zweck, dann bedeutet das: Jedes Handeln soll auf das Ziel „Mensch“ ...

Die Wissenskrise – Essay

Rein deskriptiv: die Flut an Wissen macht nicht klüger sondern dümmer. Die Zensur macht stiller, aber zorniger. So war es früher. Heute entsteht eine durch Algorithmen geschaffene Äquivalenz zur Zensur. Die Masseninformation unterdrückt die wahrhafte Einzelinformation. Das überfordert und macht stumm. Der Zorn, der entsteht wird durch die Algorithmitisierung der Informationsportale exponenziell gesteigert: Die Presse generiert längst keine Informationsblätter mehr, sie generiert Leser, ...

Die Kinder von Hameln (2017 – revisited – urbietorbi)

Ich seh in den Augen der Kinder: Diese Tage sind schwarz und schwer Wie die Regenasche auf toten Städten Wie Ascheregen zwischen zwei Sekundenschritten. Ich seh in den Augen der Kinder: Diese Tage sind endlos und zäh Wie von Hungerschwämmen verwischt Wie von Schwemmfluten radierte Horizontwege In den Augen der Kinder Spiegeln Straßen sich weit ins Irgendwoirgendwann Diese Tage sind verschoben und jäh Ich seh: Straßen, die ausweglos sind Augen der Kinder Die offen bleiben Während andernorts Man ...

Der reine Vernichter – Essay

Die Destruktion hat Konjunktur. Wir rutschen in die Zeit der Destruktion hinein, sind vielleicht sogar schon in ihr. Wir erkennen in der Destruktion das Konstruktive. Und ein neuer Protagonist hat die Weltbühne betreten: der Vernichter des Vernichtens Willen. Es gab vorher schon Vernichter. Solche, die die Welt abreißen wollten, niederbrennen bis auf die Grundfesten, um eine neue Welt darauf zu erbauen. Aber diese Art der Vernichter, die man visionäre Vernichter nennen mag, sind inzwischen selbst ...

Ein Like bitte, dass ich mich besser fühle – wär nett: Clickbait Deluxe

Ein Like für das Lieben Und den ewigen Frieden Ein Like gegen Kinderehen Zeig: ich will dagegen aufstehen! Ein Tweet gegen sexuelle Gewalt alle gemeinsam: bieten wir Einhalt Setzt Zeichen: black n white! Unite! Ruft von Internetdächern: Jetzt ist die Zeit! Gegen Autokraten, Nach Terroranschlägen Schwarze Profilbilderfolien sollen das Internet prägen Macht mit beim Verteilen von Dokumenten Die die Aufmerksamkeit auf den Schrecken sterbender Kinder bei Flüchtlingstsunamis lenken Erhebt ...

Wovon ich träume

Ich träum vom Geräusch Lautloser Kriegsmaschinen Weil ich weiß, dass Krieg heute stumm ist. Und überall unsichtbare Soldaten: Krieg, von dem alle reden. Ich träum vom Geruch Der Rauchsäulen der Himmelskuppeln, Die den Horizont säumen Wie Grenzwächter mit schwarzen Gewehren. Weil jeder weiß, dass Krieg heute unsichtbar ist, Gespielt hinter den Kulissen. Von morallosen Spielern Mit dem ältesten Einsatz der Welt: Das Blut der Anderen. Ich träum von den Wünschen, Aus denen Kriege geboren ...

Die Linde von Kehl (4/4)

  „Stört es dich, dass ich hier bin, oder dass ich dir auf den Fußboden blute?“, fragte sie. Es klang sanft, fast müde. Sie stand hinter mir und sie legte mir ihre Hände auf die Schultern. Sie begann zu massieren und flüsterte mehr zu sich selbst als zu mir: „Wie verspannt.“ Ich konnte durch den Druck ihrer knetenden Hände an meinem Rücken spüren, dass sie zitterte. Und fast automatisch fragte ich: „Ist dir kalt?“ Sie seufzte. Als ich mich umdrehte, lag sie bereits in ...

Die Linde von Kehl (3/4)

Spirenzien. So sagt man hier, wenn man gewissen Spinnereien folgt und damit Ärger verursacht: Man mache Spirenzien. Es war schwer, meine Nervosität zu erklären. Mein Vater meinte, ich sei dünnhäutig. Die Großstadt täte mir nicht gut. Und er erzählte den Witz von dem Mann, der an einer Autobahn wohne und immer mit „NeeeeinnnnnnNeeeeeinnn“ antwortete, was sich so anhörte, wie vorbeirasende Autos. So wie man im Hellen nicht depressiv werden könne, so könne man in einer Stadt nicht gesund ...