Die Linde von Kehl (4/4)

  „Stört es dich, dass ich hier bin, oder dass ich dir auf den Fußboden blute?“, fragte sie. Es klang sanft, fast müde. Sie stand hinter mir und sie legte mir ihre Hände auf die Schultern. Sie begann zu massieren und flüsterte mehr zu sich selbst als zu mir: „Wie verspannt.“ Ich konnte durch den Druck ihrer knetenden Hände an meinem Rücken spüren, dass sie zitterte. Und fast automatisch fragte ich: „Ist dir kalt?“ Sie seufzte. Als ich mich umdrehte, lag sie bereits in ...

Zwischen den Zeitenzeilen

Der, den man nicht sah, den man hörte in den Liedern der Alten zwischen all ihren Tönen so sublim, dass er dem Auge dem Wort und dem Geist fremd war, fremd wie ein Geist. Von Geist und Seele erfasst ein Wanderer zwischen Gefühlen im Spiegel ein Hauch nur im Gedanken ein Augenblick, der vergangen, noch ehe er ist. Der, der nur sein wollte und der nicht war so lange man ihn vergaß. Der, den man nicht sah, den man hörte in den Liedern der Alten Als hätten sie ihn gekannt und hineingelegt in ...

Die Linde von Kehl (3/4)

Spirenzien. So sagt man hier, wenn man gewissen Spinnereien folgt und damit Ärger verursacht: Man mache Spirenzien. Es war schwer, meine Nervosität zu erklären. Mein Vater meinte, ich sei dünnhäutig. Die Großstadt täte mir nicht gut. Und er erzählte den Witz von dem Mann, der an einer Autobahn wohne und immer mit „NeeeeinnnnnnNeeeeeinnn“ antwortete, was sich so anhörte, wie vorbeirasende Autos. So wie man im Hellen nicht depressiv werden könne, so könne man in einer Stadt nicht gesund ...

Die Linde von Kehl (1/4)

Meine Großmutter nannte es „den Sinn für eine Sache verlieren“. Sie sagte, dass es so eben mit der Zeit sei. In der Zeit verlieren sich die Dinge. Erinnerungen würden verloren gehen und eine Vorstellung davon, was einmal wichtig gewesen ist, würde sich auflösen. Das, so sagte sie, sei ganz normal. Was aber nicht normal sei, dass die Menschen inzwischen den Sinn verlieren würden. Früher hätten die Menschen wenigstens gespürt, wenn sie vor etwas Bedeutungsvollem stehen. Heute könnte man ...

1000&1 Deal

Bajedere Ich kauf mit klingender Münze in der untergehenden Währung Tausendundein goldener Worte den Anblick deines tanzenden, schlangengewundenen Leibs. Im Zimbelschlag  winden deine Arme sich entlang des Himmelsrands Schlingen sich um den nebligen Dunst der über dein goldenes Angesicht rauscht jeder Wimpernschlag weckt wie durch sanft die Luft teilenden Flügelschlag eines anmutig gleitenden Vogels, das sanftmütig kreisende Angesicht engelsgleich gleissender Glanzlichtlibellen, die Funken ...

6 – Das Gelage

  Das Fest konnte inzwischen mit den berühmten Oscar-Verleihungen mithalten, dachte Sokrates. Das Kino hatte aber auf dieser Seite des großen Teiches im Laufe der Zeit eine ganz eigentümliche Wirkung erhalten. Fast mochte man sagen, dass hier mehr geschah, als eine Plattform zu bieten, auf welcher die Künstler sich selbst feierten. Hier feierte sich die ganze Stadt. Es war ihm dann doch ein Flyer einer alternativen Szene in die Hände gefallen. Neugierig studierte er die vielen Termine. ...

Kunst

In den Tropfen
Auf gefallenen Blättern
Kann man lesen
Wie auf Bildern.
Sorglos
Erstrahlen auf ihnen
Alle Farben in natürlicher
Reinheit
Alle Geschichten in unfassbarer
Klarheit
In den Regentropfen
Sich zu suchen
Auf der Suche nach ihnen
Nicht zu ertrinken:
Das ist die Kunst.

5 – Tyrannenschatten

Toni hatte auf einen Notizzettel geschrieben „Mal sehen, ob die Anklage auf die 30 Tyrannen eingeht!“ Und Johann hatte mit seiner zierlichen Handschrift darunter geschrieben: „Ist heute etwa schon die Hölle zugefroren?“ Das Eröffnungsplädoyer wurde von dem alten Mövius gehalten. Er hatte ein gehässiges Vogelgesicht, über das die Zeit ungnädig seine Spuren hinterlassen hatte. Zerbrechlich stand er vor seinem Platz und hielt sich mit den Handflächen auf die Tischplatte gestützt. ...