Die Eroberung der ganzen verdammten Welt – healing the world

Wir lagen nebeneinander. Mein Kopf lag auf ihrer Schulter. Ich fragte: „Wenn dein Vater zu Hause ist, wann willst du wieder zu ihm?“ „Gar nicht.“, sagte sie. „Er ist das ganze Jahr weg.“, sagte ich dann. „Und wenn er da ist, bist du weg.“ „Ja.“ Ich sagte wieder: „Kompliziert.“ „Ja. Vielleicht.“ Mir gefiel die Dunkelheit nicht, obwohl sie auf Marisols Gesicht ein grau-schwarzes Schattenspiel zeichnete. Aber es war eine zu schweigsame Dunkelheit. Sie hatte ihre Hand ...

Zeit

„Ok, jetzt im Ernst: woher nimmst du die Zeit zum Schreiben?“ „Ehrliche Antwort? Keinen Schimmer.“ „Da muss doch etwas drunter leiden. Deine Arbeit?“ „Nee, die läuft. Fällt mir nicht so schwer, Arbeit und Leidenschaft zu vereinbaren.“ „Dann die Familie!“ „Alles grüner Bereich.“ „Ich könnt das nicht.“ „Was? Arbeiten mit Leidenschaft?“ „Du liest auch immer so viel.“ „Das war jetzt ein Vorwurf, hab ich Recht?“ „Also mir ist das echte Leben wichtiger.“ „...“ „Echte ...

Was wär ich ohne Kalender?

Was wär ich ohne Kalender? In welchem Tag würde ich leben? Wann hört der Tag auf, wann endet er, warum holt niemand den Müll heute ab? Ein Tag fühlt sich auf einmal an, als wären alle Konturen nur mit brüchiger, grober Kreide in ein dunkelgrünes Leben gezogen. Selbst die Straße ist kariert. Die Wegführung: hoffnungslose Graphen mit unlösbaren Funktionen. Man geht nicht mehr, man taumelt. Hinein in schäbige Absteigen, wo die Musik aus den Lautsprechern klingt, als säßen dickbäuchige ...

Anekdote

In den Wartezimmern der Kinderärzte hängen immer Bilder von Janosch. Und überraschenderweise gibt es immer Familien, die nur hier in Kontakt kommen mit der dement-anarchischen Fantasiewelt des schnauzbärtigen Tenneriffa-Künstlers. Auf einem seiner Kinderarztbilder lag der kleine Tiger am Fußrand des Bettes auf den hoch aufgetürmten Decken unter denen ein altbackenes Fieberthermometer aus dem Mund des Freundes hervor lugte. Die Unterschrift lautete: „Ich mach dich wieder gesund, kleiner ...

Papierflieger (5) – Erinnerung

Es ist furchtbar. In letzter Zeit werden ständig Gräber geschändet. Sie schmieren Farbe quer über den Grabstein, reißen Blumen aus der Graberde. Und es gibt keine Hinterbliebenen mehr, die für die Rechte des Toten eintreten könnten. Alles bleibt an uns hängen, die ihn ja gar nicht kannten. Die Rechnungen sind noch für Jahre bezahlt. Selbst wenn wir keine Moral hätten, daran soll es nicht scheitern. Wir machen täglich den Dreck weg, der auf dem kleinen Fleckchen Erde abgeworfen wird. Ich ...

Mobbing – deleted Scene

Nicht alle Kapitel schaffen es in die endgültige Version. Ein paar Szenen müssen der Schere zum Opfer fallen. Beim aktuellen Jugendroman müssen die folgenden raus. Definitiv. Zu viele Probleme für die Handlung. Zu viele neue Charaktere, die einfach nur auftauchen und nie wieder eine Rolle spielen. Aber der Gedanke dahinter gefällt mir und deshalb poste ich es jetzt hier, ohne dass ich es je überarbeiten werde. 17 Ich war noch in der Grundschule, als ich die erste Schlägerei mitangesehen ...

Das Netz des Lebens

Erster Schritt: Familienzeit. Alles fährt runter. Der Blick richtet sich nach innen, je dunkler es wird. Alles geschmückt. Überall Glanz an den Fassaden, der sich in den Augen spiegelt. Zweiter Schritt: Silvester. Überall sagen sie: Altes endet, Neues beginnt. Vorsätze. Darum blickt man zurück. Blick von innen heraus auf das eigene Leben und die Entscheidungen gerichtet. Letzter Schritt: Selbstmord. In dieser Zeit mehr denn je. Weil man sich versieht. An den entscheidenden Dingen vorbeiblickt. ...

Papierflieger: (4) – Kunst

"Darling, There is not enough drinking So it leaves me with nothing but thinking ..." A: Die Texte von deutschen Bands, die Englisch singen, sind tiefgründiger geworden. B: Finden Sie? A: Na! Hören Sie doch hin: "Leave, Yeah, Leave All your senses behind. Dance, oh, Dance Till the sun turns blind - on you. on you." A: Na? B: Jetzt hör ich es auch. Das soll Kunst sein? Hat man vor vierzig Jahren auch schon gemacht. Wenn es doch wenigstens innovativ wäre. Oder Verve hätte. Dann doch lieber ...

Sorry Greg, das Leben gibt’s nur Scheibchenweise – (1): Sorry über Instagram

Kollateralarbeit. Das Wort hab ich mit 16 erfunden. Meine Mutter hatte die Angewohnheit, meinen Teenagerfaulenzereien ein hieb- und stichfestes Argument entgegenzuhalten. Sie sagte zum Beispiel: „Greg, du könntest ruhig einkaufen gehen. Das dauert nicht lange. Vielleicht 15 Minuten. Es ist nicht viel, was du besorgen musst. Das meiste haben wir ja.“ Fünfzehn Minuten. Das war die reine Einkaufszeit. Und ja, fünfzehn Minuten hätte ich sicherlich selbst als Teenager zur Verfügung gehabt. ...

Der beste Winter

Der beste Winter, an den ich mich erinnern kann, war der, als ich sieben Jahre alt war. Das ganze Wochenende über war es trüb gewesen. Es hatte über Nacht geregnet. Und nichts, wirklich nichts hatte nach Winter ausgesehen. Bis zum nächsten Morgen. Auf der Straße lag eine zentimeterdicke Eisschicht. Die Luft schmeckte nach nichts als nach Kälte. Der Himmel sah aus wie zementiert und nur ein einzelner Vogel saß drüben auf dem Grundstück der Ullmanns auf dem gefrorenen Kopf eines Holzpfahls ...